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Markgröningen

Wenn der Liebste zum Mörder wird

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass sie das erste von bis heute unzähligen Malen vor den Toren des Stammheimer Gefängnisses stand, und hinein wollte. Wenige Stunden zuvor war ihr Freund dorthin gebracht worden – als dringend tatverdächtig, in der Obdachlosenunterkunft im Markgröninger Gerbergässle ein Feuer gelegt zu haben. Drei Menschen waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot, ein vierter starb wenig später.

Noch Monate später leiden Überlebende unter den traumatischen Erlebnissen, geht aus den Schilderungen von zwei Bewohnern zum Auftakt des Prozesses gegen den 68-Jährigen im April hervor. Seine Freundin bekommt von diesen Aussagen nichts mit. Sie ist als letzte Zeugin des Tages geladen, wartet vor dem Gerichtssaal von morgens neun Uhr bis zum Nachmittag. Doch für ihn hätte sie auch länger da gesessen. Denn trotz der schweren Tat will sie weiter zu dem Mann halten, mit dem sie sich im Knast sogar verlobt hat – weil es ihm gut tue. Aber wohl auch ihr.

Fast täglich habe sie Briefe geschrieben, zudem fahre sie regelmäßig nach Stammheim, obwohl es aufgrund einer Gehbehinderung für sie mühsam ist. Wenn sie schon nicht die Tat ungeschehen machen könne, so habe sie ihm doch verziehen, sagt sie. „Ich habe lange gebraucht, aber nun ist es so. Ich stehe zu ihm, da gibt es keine Diskussion. Kein Mensch wird mich dazu bringen, die Finger von ihm zu lassen“, sagt sie – gegenüber Bekannten, oder gegenüber ihrer Familie, die schon in Sorge sei, dass beide auch noch heirateten.

Doch mit Manchen redet sie gar nicht mehr, sieht sie nicht mehr und schottet sich ab. „Ich will nicht blöd angemacht werden.“ Markgröningen meide sie seither. Und mancher Nachbar meide auch sie. „Wenn Blicke töten könnten, müsste ich schon drei mal tot umfallen“, sagt sie über einen, der selbst Schaden nahm durch eine Tat, die ihrem Verlobten zugeschrieben wird. Im November 2016 hatte im Keller eines benachbarten Mehrfamilienhauses Sperrmüll gebrannt, das Gebäude galt zunächst als nicht bewohnbar.

Unter Verdacht geriet der spätere Brandstifter des Gerbergässles auch, als es wenige Wochen vor dieser Tat Bombendrohungen gegen die Markgröninger Klinik – vor Jahren sein Arbeitgeber – gab, kommt beim Prozess heraus. Zwei Mal durchsuchte die Polizei die Wohnung der Frau, in die er 2015 miteingezogen war, nachdem er aus seiner eigenen Bleibe in Ludwigshafen hatte ausziehen müssen – sein Leben, das er nach einem Gefängnisaufenthalt wieder in den Griff bekommen hatte, war durch die Verhaftung seines Arbeitgebers und den folgenden Jobverlust erneut aus der Bahn geraten.

„Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich war, als er hierher kam“, sagt sie über das Wiedersehen mit dem einstigen Arbeitskollegen, mit dem sie all die Jahre Kontakt gehalten hatte, und mit dem man prima habe feiern können. Doch die Durchsuchungen und laut Gericht „nächtlichen Streitereien“ waren zu viel für den Vermieter, die Wohnungskündigung stand im Raum. „Ich war sehr wütend damals“, sagte seine Verlobte im Zeugenstand, deshalb habe sie ihn aus der Wohnung geworfen und er landete in jener Unterkunft. Vielleicht sei das falsch gewesen, und vielleicht hätte sie ihn mehr drängen müssen, eine Therapie zu machen, sagt sie heute.

Gedanken, die sie nur kurz anführt, wohlwissend, dass sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt. Und dass angesichts des Urteils von lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld selbst sie anerkennen muss, dass nur ein kleines Fünkchen Hoffnung besteht, dass er das Gefängnis je lebend wieder verlässt. Die Kontaktaufnahme via Telefon ist seltener geworden, ihre Arbeitszeiten haben sich geändert. Und auch seine mögliche Verlegung in den Strafvollzug für Senioren in Singen könnte die Wiedersehen erschweren. Doch obwohl sie noch einige Jahre bis zur Rente hat, überlegt sie, umzuziehen. „Kein Weg, keine Mauer oder Gitter wird mich abhalten, zu ihm zu kommen.“

Julia Schweizer
06. August 2018
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