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Gerlingen

Steinmetz als Landschaftsgestalter

Wer Steinskulpturen mag, kommt am Sonntagvormittag bei der Führung auf der alten Leonberger Autobahntrasse voll auf seine Kosten. Allerdings nicht in behaglicher Wärme wie in einem Museum: Auf der weiten Freifläche der einstigen Autobahn, die nach Stilllegung der Trasse neu gestaltet und renaturiert wurde, herrscht am Sonntagvormittag eisige Kälte. Die Wiesen sind mit einer Schneedecke überzogen, als der Ditzinger Steinmetz Stefan Machmer die Gäste zu einem Rundgang begrüßt.

Machmer ist einer von 19 Künstlern der Steinmetz- und Bildhauerinnung Ludwigsburg-Böblingen-Rems-Murr, die Arbeiten für die im vergangenen Mai eröffnete Ausstellung unter freiem Himmel angefertigt haben. Aus Stadt und Landkreis Ludwigsburg haben sich neben Machmer auch Jörg und Till Failmezger aus Pleidelsheim, Siegfried Stein (Schwieberdingen) sowie die beiden Ludwigsburger Frank Hintz und Jochen Flogaus aus Ludwigsburg beteiligt. Die insgesamt 19 Skulpturen sind nach der Eröffnung ein Jahr lang auf der ehemaligen Autobahntrasse unweit der Leonberger Stadtmitte zu sehen.

Die Steinmetzinnung organisiert regelmäßig Ausstellungen in ihrem Zuständigkeitsbereich. Dabei, so berichtet Machmer, sind Sachbeschädigungen leider eher die Regel als die Ausnahme. „Das muss nicht immer Absicht sein. Wenn Kinder spielen, kann es schon mal vorkommen, dass ein Kunstwerk unabsichtlich beschädigt wird.“ In Leonberg allerdings handelte es sich bei einem Vorfall im Sommer ganz eindeutig um gezieltes Vorgehen: Die Skulptur „Im Zwischenraum“ von Katja Geisselhardt und Ralf Ziegler wurde aus der Verankerung gerissen und musste daraufhin aus dem Skulpturenpark entfernt werden. Das Werk „Stele als stilisierte Ampel“ von Peter Volz wurde mit Graffitis verunstaltet.

Verbindendes Element der Arbeiten, die in Abständen von etwa 20 bis 50 Metern Fixpunkte in der parkartig angelegten Landschaft bilden, sind zu Kuben gepresste Schrottautos, die die Künstler auf ganz unterschiedliche Art und Weise in ihre Steinskulpturen integriert haben und so Fragen aufwerfen.

Zum Teil, wie etwa in Machmers „Möbiusband“, dienen die Schrottautos nur als Sockel für die Skulpturen. Andere Künstler haben die technischen Relikte in ihre Arbeiten eingeflochten. Jörg Failmezger zum Beispiel hat seine „Mutter Erde“ aus einem Quader Mühlbacher Sandstein gehauen. Die Figur sitzt in der Hocke und versucht, eine Hantel in die Luft zu stemmen. Die Schrottblöcke ersetzen dabei die Gewichte - und Mutter Erde, die sich mit einer Atemmaske vor giftigen Autoabgasen schützt, überhebt sich sichtlich an den Hinterlassenschaften der modernen Zivilisation.

Grundsätzlich zieht der Leonberger Skulpturenpark seinen Reiz aus Kontrasten: Zivilisation und Natur, Ruhe und Verkehr, Kunst und Wildnis treten in einen Widerstreit. Diese Gegensätze werden nicht zuletzt sichtbar, weil die Künstler eine Funktion als Landschaftsgärtner übernommen haben. Katja Geisselhardt erläutert diesen Konzept anhand ihrer Arbeit „Entkernung“. Diese besteht aus einem etwa zwei Meter hohen Rahmen, der aus Mauersteinen zu bestehen scheint und an eine Schießscharte erinnert. „Man läuft auf die Skulptur zu. Dabei öffnen sich immer wieder neue Blicke, die bis zur Leonberger Altstadt reichen“, so die Künstlerin. „Diese ständig neuen Sichtachsen sollen nicht zuletzt ein Gefühl von Freiheit vermitteln.“

Frank Klein
03. Dezember 2017
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