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Ludwigsburg

Stadt will alle Straßen begutachten

Das Urteil der Auto- und Radfahrer ist oft schnell gefällt. Bei einer Fahrt über die Bismarckstraße, einer Ruckelpartie über die Oststraße oder einer Zitterpartie auf dem Fahrrad durch die Spurrillen der Busse sind viele sich sicher: Der Zustand vieler Straßen ist katastrophal.

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Viele Straßen sind in gutem oder sogar sehr gutem Zustand. Doch die Liste der Problemfälle ist lang (Infobox unten). Um den Überblick zu behalten, setzt die Stadt seit 2012 auf den sogenannten Straßenzustandsbericht. Damals wurde erstmals der komplette Straßenraum Ludwigsburgs von einem Spezialfahrzeug abgefahren, erfasst und vermessen. Auch der Zustand der Straßen wurde damals ermittelt.

Aus den Daten wurde schließlich ein Bericht erstellt. In ihm ist jede Straße der Stadt verzeichnet. Ihr Zustand ist mit einer Note zwischen eins und fünf bewertet. Straßen, die eine Note schlechter als 3,5 haben, gelten als dringend sanierungsbedürftig. Zwar wurden städtische Baustellen, Reparaturen und andere Eingriffe seit 2012 in diesen Straßenzustandsbericht eingepflegt, die Arbeiten externer Firmen wurden aber nicht berücksichtigt. Daher soll der komplette Straßenraum 2019 neu bewertet und dokumentiert werden.

Sämtliche Schäden werden erfasst

„Wir werden dafür die gleiche Firma wie 2012 beauftragen, denn wir wollen, dass die Ergebnisse vergleichbar sind“, sagt Ulrike Schmidtgen, die Leiterin des Fachbereichs Tiefbau und Grünflächen. Risse, Schlaglöcher oder geflickte Stellen – sämtliche Schäden werden laut Schmidtgen erfasst. Am Ende ist eine Neubewertung jeder Straße möglich. Auch Grünbereiche, Parkstreifen oder Gehwege werden bei diesem Verfahren aufgezeichnet, ergänzt Hans-Jörg Mulfinger, der für die Straßenunterhaltung zuständig ist.

Von der Neubewertung erhoffen sich Schmidtgen und Mulfinger auch Aussagen darüber zu erhalten, ob Ludwigsburg genug Geld in seine Straßen steckt. Durch den Vergleich des Straßenzustands 2012 und 2019 und das in der Zwischenzeit investierte Geld, kann die Verwaltung ermitteln, ob ihre Bemühungen ausreichen. Ist der Wert der Straßen gefallen, konnte er gehalten oder sogar gesteigert werden?

Schon jetzt deutet aber einiges darauf hin, dass die Stadt in Zukunft tiefer in die Tasche greifen muss. Zum einen steigen die Baukosten seit Jahren erheblich an. Die Firmen sind ausgelastet, die Beteiligung an Ausschreibungen geht rapide zurück. Zum anderen wird die Liste der Straßen, die auf eine Sanierung warten, immer länger. Allein mit den Straßen, die sich heute im Zustand 3,5 oder schlechter befinden, ist die Verwaltung beim derzeitigen Sanierungstempo noch mindestens zehn Jahre beschäftigt.

Im Belagssanierungsprogramm des Fachbereichs für Tiefbau und Grünflächen werden derzeit jährlich fünf bis sechs Straßen saniert. Dieses Jahr die Schwieberdinger Straße zwischen Gänsfußallee und Martin-Luther-Straße, die Erlachhofstraße, die Salonallee, die Marienburgstraße und die Wilhelm-Bader-Straße. Dafür stehen dem Fachbereich jährlich etwas mehr als eine Million Euro zur Verfügung. Daneben gibt es meist weitere ein bis zwei größere Sanierungsprojekte – in diesem Jahr die Körnerstraße.

Abgleich mit den Stadtwerken

Große, aufwendige Sanierungen von längeren Straßenabschnitten, bei denen auch der Untergrund angegangen wird, kann der Fachbereich momentan nur ein- bis zweimal im Jahr stemmen. „Unsere finanziellen und personellen Ressourcen sind begrenzt“, sagt Schmidtgen.

Hinzu kommt, und das sorgt bei vielen Bürgern für Unverständnis, dass die Verwaltung nicht einfach bei den Straßen beginnen kann, deren Fahrbelag am schlechtesten ist. Der Fachbereich Tiefbau muss seine Prioritätenliste mit den Stadtwerken jedes Jahr neu abgleichen. Und da die Stadtwerke gerade fleißig neue Leitungen, Fernwärmerohre und Glasfaserkabel versenken, sind Schmidtgen und Mulfinger manchmal die Hände gebunden. Der Sanierungsbedarf im Leitungssystem ist enorm. Daher bestimmen momentan eher die Investitionen in das Leitungsnetz, welche Straßen gerichtet werden – und nicht der Zustand des Fahrbelags.

Auch politische Überlegungen wie mögliche Stadtbahn- oder Elektrobustrassen oder geplante Neubaugebiete sorgen manchmal dafür, dass es mit der Sanierung einer Straße nicht vorangeht. Denn die Verwaltung möchte laut Schmidtgen verhindern, dass eine Straße kurz nach der Sanierung wieder umgebaut werden muss.

Christian Walf
09. Januar 2018
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