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Ludwigsburg

Rückkehr der vergessenen Namen

Unermüdlich im Einsatz: Der Kölner Künstler Gunter Demnig bei einer Stolpersteinverlegung 2015 in der Eberhardstraße.Archivfoto: Holm Wolschendorf

Das Schicksal von Pauline Schenk war bis vor kurzem völlig vergessen. Im Januar 1880 wurde sie in Ludwigsburg geboren. Ihr Leben war einfach und schwer. Als sie drei Jahre alt ist, stirbt ihr Vater, die Mutter bleibt mit den sieben Kindern alleine zurück und muss die Familie von ihrem kleinen Lohn als Waschfrau ernähren.

Nach der Volksschule muss Pauline als Dienstmädchen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Schon mit 16 Jahre erleidet sie erste schizophrene Züge, mit 17 wird sie in die Heilanstalt Winnenthal (Winnenden) eingeliefert. Es folgt ein Leben in psychiatrischen Einrichtungen. Pauline Schenk leidet an Sinnestäuschungen, laut ihrer Krankenakte ist sie meist ängstlich und weint, interessiert sich nicht für ihre Umwelt und versteckt sich unter ihrer Bettdecke. Über all die Jahre verändern sich ihr Zustand und ihr Verhalten nicht merklich. 1940 setzen die Nationalsozialisten einen brutalen Schlusspunkt hinter dieses tragische Leben. Am 28. August wird Pauline Schenk mit einem der grauen Busse aus ihrer Einrichtung abgeholt, nach Grafeneck deportiert und dort direkt nach der Ankunft vergast.

Pauline Schenk ist eines von sechs Schicksalen, das jetzt von der Ludwigsburger Stolperstein-Initiative recherchiert wurde. Am Donnerstag, 12. Juli, wird Gunter Demnig für diese sechs Personen Stolpersteine vor ihrer letzten Wohnadresse verlegen. Die Namen dieser verdrängten Opfer des nationalsozialistischen Wahns kehren damit wieder zurück in die Stadt.

Insgesamt liegen in Ludwigsburg dann schon über 60 Stolpersteine. In den ersten Jahren waren es vor allem die Schicksale jüdischer Menschen, die von der Stolperstein-Initiative aufgearbeitet wurden. Bei den letzten Verlegungen standen vor allem die Opfer der sogenannten Aktion T4 im Fokus, bei der 1940 Tausende Kranke und Behinderte in der Anstalt Grafeneck ermordet wurden.

Die sechs Opfer, an die nun gedacht wird, sind alle im Rahmen dieser Aktion getötet worden. Bei der Verlegung der Stolpersteine am kommenden Donnerstag werden die Mitglieder der Stolperstein-Initiative in einem würdevollen Rahmen ihre Geschichten erzählen. „Die Gedenkfeiern werden musikalisch begleitet“, schreibt die Initiative in einer Mitteilung. Die Mitglieder freuen sich über viele Besucher, die einzelnen Verlegungen sind so getaktet, dass man die einzelnen Orte rechtzeitig erreichen kann. So ist der Ablauf:

Die erste Verlegung findet um 9 Uhr in der Mörikestraße 2 für Lina Peukert statt. Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde sie Opfer der Nazis. Ihre Familie war ihr sehr wichtig und gab ihr Halt.

Um 9.35 Uhr findet die Stolpersteinverlegung für Julius Weber in der Bahnhofstraße 29 statt. Im Alter von 72 Jahren wurde er von der Heilanstalt Weinsberg am 16. Juli 1940 nach Grafeneck „verlegt“ und am selben Tag ermordet.

In der Lindenstraße 1 findet um 10.10 Uhr die Verlegung für Mathilde Spindler statt. Mit einem der berüchtigten grauen Busse wurde sie von der Anstalt Weissenau zur Ermordung nach Grafeneck deportiert.

Pauline Schenk hatte die Diagnose Schizophrenie. Deshalb ermordeten sie die Nazis 1940 in Grafeneck. An ihrem Wohnort in der Hospitalstraße 39 wird um 10.35 Uhr ein Stolperstein verlegt.

Um 11.15 Uhr findet für Karl Merkle in der Baltenstraße 28 in Oßweil eine Verlegung statt. Pflegebedürftig lebte er in der Heilanstalt Weinsberg. Die Nazis erklärten ihn deshalb für „lebensunwert“.

Der sechste Stolperstein wird um 11.45 Uhr in der Hermann-Löns-Straße 13 in Oßweil verlegt. Dort lebte der verheiratete Richard Werner. Seine psychischen Probleme wurden sein Todesurteil.

Christian Walf
06. Juli 2018
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