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Ludwigsburg

Metaller im Kreis erhöhen Druck

Warnstreik unter Gewerkschaftsfahnen: Matthias Fuchs (IG Metall, mit Mikrofon) spricht vor Valeo Wischer-Mitarbeitern.Foto: Holm Wolschendorf

Bietigheim-Bissingen. Die Schranken zum Tor der Versandpforte heben sich an diesem Montagvormittag nicht für Lastwagen, sondern für Menschen: Um kurz nach 9.30 Uhr marschieren etwa 150 Mitarbeiter der Frühschicht des Unternehmens Valeo Wischer in die Seewiesenstraße. Dort kommen sie zu einem Warnstreik zusammen – einem von vielen im Südwesten und in anderen Bundesländern.

Mit den Aktionen, die in dieser Woche an Fahrt aufnehmen, übt die IG Metall Druck auf die Arbeitgeber aus: Am Donnerstag beginnt im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie die dritte Verhandlungsrunde. Laut Konrad Ott, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ludwigsburg, sind im Landkreis von Mittwoch bis Freitag weitere „Warnstreiks in verschiedener Form“ und in mehreren Orten geplant.

Die Gewerkschaft hat zwei zentrale Forderungen. Die knapp vier Millionen Beschäftigten der Branche (davon etwa 30 000 im Kreis Ludwigsburg) sollen erstens sechs Prozent mehr Lohn erhalten. Die Arbeitgeber bieten ein Mehr von zwei Prozent an – aber laut Susanne Neff, Leiterin der Valeo-Vertrauensleute, nur dann, wenn die Beschäftigten „länger arbeiten, ohne Überstunden- und Schichtzuschläge“. Zugleich wollten die Arbeitgeber Mindestruhezeiten zwischen Schichten abschaffen und Befristungen erweitern.

Schichtzuschläge sollen zumindest teilweise gestrichen werden, ruft Ursula Genswürger vor der Versandpforte empört in das Mikrofon. Die Valeo-Betriebsratsvorsitzende, die im Tarifkonflikt Mitglied der Verhandlungskommission ist, spricht das zweite Thema an, das den Arbeitnehmern wichtig ist: Diese sollen ihre wöchentliche Arbeitszeit befristet auf 28 Stunden reduzieren können. Die Gewerkschaft spricht nicht von Teilzeit, sondern von verkürzter Vollzeit. Wer nach dieser Phase seine Arbeitsstunden wieder aufstocken möchte, soll dies tun können – unabhängig von einem Urteil des Arbeitgebers.

Reduzieren Mitarbeiter ihre Arbeitszeit, soll es laut IG Metall-Forderung einen finanziellen Ausgleich für bestimmte Gruppen geben: Beschäftigte, die Angehörige pflegen, Kinder betreuen, in Schichten und auf Montage arbeiten. Diese Forderung ist Gioia Rosaria „sehr wichtig. Wir arbeiten immer mehr und haben kaum noch Zeit für Familie“, sagt die Mitarbeiterin der Valeo-Endmontage.

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Die 47-Jährige trägt, wie die meisten anderen Warnstreikenden auch, einen roten Schal mit dem Aufdruck „Miteinander streiten, Miteinander für Morgen“. Auf einem Plakat der Valeo-Vertrauensleute steht: „Wir lassen niemanden im Regen stehen.“ Von heiteren Aussichten spricht in diesem Tarifkonflikt ohnehin niemand. „Wirklich schwierige Tarifauseinandersetzungen“ kündigte der zweite IG-Metall-Bevollmächtigte für den Kreis Ludwigsburg, Matthias Fuchs, an. „Die Arbeitgeber sind nervös“, konstatiert er. Fuchs fordert eine Arbeitszeit, „die zum Menschen passt“. Im Jahr 2016 hätten die Arbeitgeber eine der höchsten Profitraten der vergangenen 16 Jahre zu verzeichnen gehabt.

„Wir haben eine tolle Auftragslage“, sagt auch Martin Fießinger. Der Mitarbeiter von Valeo Schalter und Sensoren erzählt, dass einige seiner Kollegen ihre Arbeitszeit „aus persönlichen Gründen“ verkürzt hätten. Danach wieder Vollzeit arbeiten zu können und sich damit unabhängiger vom Arbeitgeber machen zu können – das sei ihm wichtig, betont der 51-Jährige.

Auch Ali Atak kam gestern zu dem Warnstreik. „Das Geld wird immer mehr in Richtung Arbeitgeberseite geschoben“, sagt der Mitarbeiter der Valeo Wischer-Lackiererei. Die Aktion sei auch deshalb nötig, um dem Arbeitgeber zu zeigen, „dass wir existieren, dass wir da sind“.

Die Betriebsratsvorsitzende Ursula Genswürger kündigte weiteren Protest an: Bewege sich die Valeo-Spitze nicht, „machen wir noch mehr Druck. Wenn Ihr nicht wollt, dann wollen wir auch nicht mehr.“

Wolf-Dieter Retzbach
08. Januar 2018
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