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Ludwigsburg

Madonna reist aus Kalabrien an

„Das ist ein einmaliges Event, das wird nie wieder passieren, solange wir leben“, sagt Nicola Mele. Er hat dazu beigetragen, dass die Maria aus Tuffstein samt Jesuskind die Wallfahrtskirche Santa Maria del Monte auf einem 1550 Meter hohen Berg verlassen und eine Auslandsreise angetreten hat. Drei Jahre haben sich die Organisatoren um die Genehmigung bemüht.

Erstmals verlässt die Madonna Kalabrien

Seine verstorbenen Eltern Rosina und Saverio Mele stammen aus Acquaformosa. Auch viele andere Mitglieder der italienischen katholischen Gemeinde in Ludwigsburg haben Wurzeln in dieser Region Süditaliens, in der die Wallfahrt zur Madonna Tradition hat. Weil viele Italiener ihre Heimat nicht mehr besuchen können, ist die Madonna zu ihnen gekommen.

Die Reise ins Ausland ist eine absolute Ausnahme, für die sogar der Vatikan seinen Segen gegeben hat, wie Mimmo Busciacco erklärt. Er ist ebenso wie 80 andere Italiener 1500 Kilometer aus dem süditalienischen Acquaformosa nach Ludwigsburg gereist, um die Madonna zu begleiten. Zu ihnen gehört auch Raffaele De Angelis, der Pfarrer von Acquaformosa.

Doch die Vorbereitungen und die Finanzierung durch Spenden sind vergessen, als ein weißer Lieferwagen vor der Sakristei anhält. Sofort strömt die Menschenmenge hin, um ihre Madonna willkommen zu heißen. Einige, erzählt die Ludwigsburgerin Maria-Luisa Garau, deren Mutter aus Acquaformosa stammt, haben sich Urlaub genommen, um bei diesen historischen Ereignis dabei zu sein. Mit Akkordeon und Tamburin wird eine mitreißende Tarantella, ein süditalienischer Volkstanz, angestimmt. Wer kein Musikinstrument in der Hand hält, klatscht den Takt mit. Zig Hände strecken sich aus, als die Tür des Lieferwagens geöffnet wird und eine große Kiste zum Vorschein kommt.

Die Madonna ist angekommen. Behutsam wird der Behälter mit dem kostbaren Inhalt aus dem 14. Jahrhundert durch einen Nebeneingang in die Sakristei der Kirche getragen. Dann werden die Schrauben der Kiste geöffnet. Ein Teil der Menschen ist der Madonna in die Sakristei gefolgt, Handys werden in die Höhe gehalten und Fotos geschossen. Die Figur ist von einem weißen Tuch bedeckt und wird vorsichtig auf einen hölzernen Untersatz gesetzt. Als die Hülle entfernt wird, ist es plötzlich mucksmäuschenstill. Schluchzen ist zu hören, Männer und Frauen wischen sich Tränen aus den Augen. Die Ankunft ihrer Madonna ist ein anrührendes Ereignis. „Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Guiseppe Di Turi aus Kornwestheim, der seit 45 Jahren in Deutschland lebt.

Maria wird in der Sakristei geschmückt

Die Madonnenfigur, und das wirkt erstaunlich, hat eine nackte Brust, so als wolle sie ihr Kind stillen. Das führte früher dazu, dass die Statue an dieser Stelle mit einem Stück Stoff bedeckt war, erzählt Nicola Mele. Während die Figur in der Sakristei geschmückt wird, stimmt ein Teil der Gläubigen in der Kirche ein Lied an. Eine junge Mutter legt mit ihrem Kind einen Blumenstrauß an der Stelle im Altarraum ab, wo die Statue später ihren Platz finden soll. Das Podest ist mit rosa Lilien, Rosen und weißem Schleierkraut geschmückt.

In einem Nebenraum kreieren Nicole Pirodda aus Asperg und Ursula Buono aus Acquaformosa einen Bogen aus weißen Orchideen und Grün. Dann beginnt die eigentliche Prozession. Mehrere Männer und Frauen tragen die Figur auf einem Holzgestell die Stufen aus der Sakristei nach unten und von dort aus zum Haupteingang der Kirche. Eine Frau streut Rosenblätter auf den Boden, weiße Tauben werden aus einem Korb in die Freiheit entlassen. Angeführt wird dieser Zug von Pfarrer Raffaele De Angelis und den beiden Mädchen Guiseppina und Annarosa Martino, die weiße Kleider tragen. Es wird musiziert, gesungen, gewunken. Andächtige Stille macht sich im Kirchenraum breit, als die Madonna endlich auf dem geschmückten Podest steht, Hunderte Kilometer entfernt von der Wallfahrtskirche Santa Maria del Monte entfaltet sie ihre Wirkung. Später findet eine Messe statt, in der die Gläubigen ihrer Angehörigen gedenkenden, die in Deutschland gestorben und beerdigt sind. Nicola Mele wird wie viele andere die Bilder seiner verstorbenen Eltern zu Füßen der Madonna legen und ihrer gedenken. Italien ist plötzlich ganz nah, das Warten hat sich gelohnt.

von marion blum
10. Juni 2018
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