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Ludwigsburg

Krankenhäuser kämpfen um Pflegekräfte

Foto: Erwin Wodicka/dpa

Florence Nightingale wird vor mehr als 100 Jahren als „Dame mit der Lampe“ bekannt, als Pflegerin, die ihre Patienten auch nachts mit einer Öllampe besucht. Gegen den Willen ihrer wohlhabenden Eltern entscheidet sich die damals 30-Jährige, ihr Leben der Krankenpflege zu widmen – und das zu einer Zeit, als der Berufsstand einen schlechten Ruf genießt. Sie revolutioniert das britische Gesundheitswesen und regt den späteren Friedensnobelpreisträger Harry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes an.

Heute sind Pflegeberufe erneut in der Krise. Viele Krankenhäuser in Deutschland haben Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. Das ist auch im Kreis Ludwigsburg so. Regionaldirektor Olaf Sporys registriert mehr als 40 offene Stellen. „Doch der Arbeitsmarkt ist leergefegt“, sage er gestern vor Journalisten in Markgröningen – einen Tag vor dem Internationalen Tag der Pflege, der am heutigen 12. Mai zu Ehren Nightingales begangen wird.

Besonders gravierend sind die Probleme offenbar in Ludwigsburg und Marbach. In der Kreisstadt etwa wird ein Fachbereich der Unfallchirurgie mit zehn Betten seit mehr als einem Jahr nicht mehr bedient. „Wir stehen in Konkurrenz zu Krankenhäusern in Stuttgart“, sagt die Pflegedirektorin Silvia Hooks, wo der Pflegenotstand nach ihren Angaben noch extremer ausfällt. „Das beruhigt uns aber keineswegs.“

Ihr Haus hat bereits vor einigen Jahren angefangen, ausländische Pflegekräfte anzuwerben. Längst sind auch Spanier auf den Spuren Nightingales im Kreis Ludwigsburg unterwegs. Klinikenchef Jörg Martin und sein Direktor Sporys haben ein Ziel ausgerufen: Im Gesundheitswesen als Arbeitgeber spitze zu sein. Die gut 2000 Pflegekräfte der Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim, unter deren Dach die fünf Kreiskrankenhäuser versammelt sind, sollen auf Fort- und Weiterbildungen gehen und flexibel arbeiten können. Das Unternehmen bietet Betriebskindergärten und Rotationsmöglichkeiten an.

Doch es gibt Rahmenbedingungen, die sie nicht beeinflussen können. „Wir brauchen auch Signale aus der Politik“, sagte Sporys gestern. Damit meint er mehr Wertschätzung für das Personal und eine bessere Bezahlung. „Pfleger leisten einen tollen Job. Sie sind es, die am nächsten am Patienten dran sind.“

Mit rund 2500 Euro Einstiegsgehalt muss eine Pflegekraft nach dem Examen auskommen – und durchschnittlich an jedem zweiten Wochenende und im Drei-Schicht-Betrieb schaffen. „Das sind Belastungen, die einfach da sind“, sagt Johann Bernhardt, Pflegedirektor für die Häuser in Markgröningen, Bietigheim und Vaihingen. Hinzu kommen vermehrt demente Patienten, Menschen mit Mehrfacherkrankungen und bürokratische Hürden. „Gut 20 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen Pfleger abseits des Patienten“, so Bernhardts Kollegin Hooks. Sie will, dass das Personal wieder verstärkt ans Bett zu den Patienten kommt und in den Kernkompetenzen unterwegs ist. „Deshalb haben wir den Beruf ja gewählt, weil er einem viel gibt.“ So wie Florence Nightingale vor mehr als 100 Jahren.

Philipp Schneider
11. Mai 2017
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