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Möglingen/Stuttgart

Keine Haft für Handauflegen

Roswitha F. schiebt ihre Freundin und Geschäftspartnerin Gisela G. am Montagmittag im Rollstuhl aus dem Stuttgarter Landgericht an der Urbanstraße. Draußen scheint die Sonne, die beiden Damen aus Möglingen, 60 und 66 Jahre alt, lächeln. Dazu haben sie auch allen Grund: Anders als das Ludwigsburger Amtsgericht vor einem Jahr wollen die Stuttgarter Richter die beiden selbst ernannten Geistheilerinnen nicht im Gefängnis sehen. Sie verurteilen die Möglingerinnen in zweiter Instanz lediglich zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe – wegen gewerbsmäßigen Wuchers.

Ihr Opfer ist eine pensionierte Lehrerin aus dem Rems-Murr-Kreis, die jetzt im Bottwartal lebt. Sie verliert vor einigen Jahren ihren Vater und pflegt daraufhin die demente Mutter. Doch bald setzen Depressionen und Panikattacken ein. Linderung erhofft sie sich von Gisela G. und Roswitha F. in Möglingen. Die beiden bieten nach eigenen Angaben Lebensberatung an. Darunter verstehen sie: Handauflegen, Jenseitsarbeit und Bibelsprüche. Außerdem Drohungen: Angehörige sollen umkommen, wenn die Patientin die Sitzungen, die oft nur wenige Minuten dauern, abbricht. In der Möglinger Wohnung der beiden Heilerinnen befindet sich ein Weihwasserbecken, die beiden Damen tragen Kreuze um den Hals. „Die Angeklagten vermitteln ein eigenes religiöses Weltbild und wenden Methoden einer Sekte an“, sagt die Staatsanwältin. Gisela G. gaukelt vor, in direktem Kontakt mit Gott zu stehen. Roswitha F. ist für die Drohungen und Geldgeschäfte zuständig. Einmal Handauflegen zum Beispiel schlägt mit 70 Euro zu Buche.

Zwischen September 2010 und Juni 2014 kommt es offenbar zu mehr als 300 Sitzungen. Das psychisch labile Opfer zahlt den beiden Heilerinnen mehr als 80 000 Euro. „Mehr konnten wir nicht feststellen“, so der Vorsitzende Richter in Stuttgart. Der Bruder der Geschädigten geht eher von 300 000 Euro aus, was die Verteidiger der beiden Angeklagten jedoch vehement bestreiten.

Die Geschädigte gerät in die Abhängigkeit, braucht ihr Vermögen und das der Mutter auf. Sie verkauft Immobilien und Grundstücke, bis alles weg ist und sie die Pflege der dementen Mutter nicht mehr bezahlen kann. In ihrer Not pumpt sie ihren Bruder an – der den Fall zur Anzeige und damit ins Rollen bringt.

Die Verfahren in Ludwigsburg und Stuttgart verfolgen die beiden Damen nahezu regungslos – zur Sache lassen sie sich nicht ein. Von Reue oder Einsicht ist erst recht keine Spur. Klar ist nur, dass sich die beiden seit Jahren kennen und mittlerweile zusammenleben. Roswitha F., Hartz-IV-Empfängerin, hat die Pflege ihrer Geschäftspartnerin, die von einer Rente lebt, übernommen.

Dass sie trotzdem in den Genuss eines Geständnisses kommen, hat mit einem juristischen Kunstgriff zu tun. Die Prozessbeteiligten einigen sich darauf, die Berufung auf den Rechtsfolgenausspruch zu beschränken. Im Klartext: Der zugrundeliegende Sachverhalt gilt als anerkannt und wird den beiden als Geständnis angerechnet. Vor dem Landgericht geht es fortan nur noch um das Strafmaß.

Die Staatsanwaltschaft beantragt am Montagvormittag Gefängnisstrafen von zwei Jahren und neun Monaten für Gisela G. sowie zwei Jahren und acht Monaten für Roswitha F., weil sie erst später dazukam. Die Kammer hält allerdings (wie die Verteidiger) Bewährungsstrafen für ausreichend. Der Richter: „Es gibt ein Übergewicht an strafmildernden Umständen.“ Vor einigen Tagen haben die Geistheilerinnen 16 000 Euro an Schadenswiedergutmachung an ihr Opfer überwiesen. Jetzt sollen noch 4000 Euro dazukommen. Dass mehr herauszuholen gewesen wäre, hält die Kammer für „sehr fraglich“.

Während die Heilerinnen das Stuttgarter Landgericht also zufrieden verlassen, sind die Angehörigen frustriert. Der Bruder der Geschädigten sagt unserer Zeitung: „Das Geld ist für uns ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Kommentar

Philipp Schneider
09. Juli 2018
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