Mittwoch, 21.11.2018, 1:12 Uhr
keine Daten 5 °C
LUDWIGSBURG

In Ludwigsburgs Schullandschaft brodelt es

Gabriele Bullinger übt sich in Selbstkritik: „Ich war naiv. Ich dachte, das wird im Gemeinderat offen diskutiert.“ Entsprechend unerwartet traf die Rektorin der Justinus-Kerner-Schule der Beschluss des Sozialausschusses, mit der Neugründung einer Gemeinschaftsschule ab dem Schuljahr 2014/15 gleichzeitig das Ende der Werkrealschule mit derzeit 400 Schülern einzuläuten (wir berichteten). Dieser Plan sei mit ihr nicht abgesprochen worden, betont Bullinger.

Bisher war die Rektorin davon ausgegangen, dass sich die Werkrealschulen an der Gestaltung der Gemeinschaftsschule beteiligen. Im Frühjahr 2011 hatten alle drei Werkrealschulen und die Hauptschule in Neckarweihingen in einem Schreiben an den Schulträger ihr Interesse an der Umwandlung zu Gemeinschaftsschulen bekundet. „Wir sind weiter gerne bereit, ein Konzept für die Gemeinschaftsschule zu entwickeln“, so Bullinger. „Wir leisten gute Arbeit.“ Eine neue Gemeinschaftsschule am ehemaligen Standort der Pestalozzi-Schule auf dem Innenstadt-Campus käme genau dem Türschildwechsel gleich, den die Stadt doch unbedingt vermeiden wolle. Denn die neue Gemeinschaftsschule würde letztlich auf der Schülerschaft der Werkrealschulen basieren. Das hätte kaum die Signalwirkung, die sich der Schulträger erhoffe, damit die neue Schule mit mindestens drei, besser vier Klassen starten könne.

Auch die Eltern der Kerner-Schule wurden von der rasanten Entwicklung völlig überrascht. „Das ist alles viel zu kurzfristig“, sagt Elternbeiratsvorsitzender Peter Scheu. Das Konzept Gemeinschaftsschule sei noch viel zu vage, „das Modell kann man den Eltern doch nicht anbieten“. Die gute pädagogische Arbeit der Schule, die mit zwei Schulsozialarbeitern Vorzeigecharakter habe, dürfe nicht gefährdet werden. Trotzdem wollen sich die Eltern zurückhalten: „Protest ist nicht die Strategie der Kerner-Schule.“

Das sehen die Realschulen anders. Bereits heute Abend soll der Schulentwicklungsplan vom Gemeinderat verabschiedet werden. Und darin enthalten ist nach der Empfehlung des Sozialausschusses vom vergangenen Mittwoch auch die Umwandlung der Realschulen in Gemeinschaftsschulen, beginnend spätestens mit dem Schuljahr 2016/17. Bis gestern war noch unklar, ob Eltern und auch Lehrer mit einer Demonstration vor Beginn der Sitzung ihren Unwillen kundtun und damit den halb scherzhaften Aufruf von CDU-Stadtrat Klaus Herrmann zu einer Initiative „Rettet die Realschulen“ verwirklichen wollen.

In den Realschulen herrscht allgemein Unverständnis über das Tempo, das die Stadt vorlegt. „Wir verstehen die ganze Hektik nicht“, sagt Erika Schulze, Schulleiterin der Gottlieb-Daimler-Realschule und geschäftsführende Rektorin der Grund-, Werkreal- und Realschulen in der Stadt. Was ihr besonders sauer aufstößt: Die Stadt habe nur zögerlich und unvollständig über die nun zu verabschiedenden Pläne informiert.

Auch die Schulleiterin der Elly-Heuss-Knapp-Realschule zitiert zum wiederholten Mal den Ersten Bürgermeister Konrad Seigfried: „Qualität vor Eile.“ Das Kollegium sei durchaus offen für die Gemeinschaftsschule, aber diese müsste wachsen. „Das ist alles viel zu unausgegoren“, meint auch die Elternbeiratsvorsitzende der Realschule, Petra Wagner. Räumlichkeiten, Personal und Konzept seien lange nicht geklärt. „Und jetzt soll alles schnell, schnell gehen.“ Dass die geplante Gemeinschaftsschule in Ludwigsburg keine integrierte Oberstufe hat, sei besonders ärgerlich: „Wieso haben die Gymnasien hier eine Sonderstellung?“

Gesprächsbedarf gab es offenbar auch bei den Gemeinderatsfraktionen, die in den vergangenen Tagen mehrfach mit verschiedenen Beteiligten diskutierten. Auch im Sozialausschuss war deutlich geworden, dass es innerhalb der Fraktionen weiter Diskussionen über die künftige Schulpolitik gibt. Im Ältestenrat war das Tempo der Stadt bei den zwei großen Baustellen – Schulentwicklung und Kinderbetreuung – zuvor moniert worden.

Klarheit und damit ein gehöriges Pfund Gelassenheit hat sich die geschäftsführende Rektorin Erika Schulze verschafft. Nach einem Gespräch mit der Direktorin des Staatlichen Schulamts, Gabriele Traub, weiß sie nun: „Das Schulamt steht hinter den Schulen.“ Gegenüber unserer Zeitung bestätigte Traub, ein Wechsel der Realschulen auf eine Gemeinschaftsschule sei ohne die Schulen nicht zu machen: „Da muss es von der Schulkonferenz ein positives Votum geben.“ Selbst ein Beschluss des Gemeinderats sei nur eine Willensbekundung, hier gelte das Mitbestimmungsrecht der Schulen.

Anders sieht es bei der geplanten Auflösung der Justinus-Kerner-Schule aus. Hier müsse die Schule nur beteiligt werden, erklärt Schulamtsdirektorin Traub, es sei aber ratsam, „mit der Schule zusammmenzuarbeiten“. Gabriele Bullinger von der Justinus-Kerner-Schule bringt es auf den Punkt: „Wir wünschen uns eine gute Begleitung.“


Info:
Heute Abend diskutiert der Gemeinderat um 17 Uhr im Kulturzentrum.

von janna Werner
17. Juli 2012
Impressum | Datenschutz