Mittwoch, 23.08.2017, 12:06 Uhr
keine Daten 29 °C
Ludwigsburg

Gebratene Lerche vom Vogelspieß

Sind die Elstern Schuld am starken Rückgang der Singvögel im Kreis Ludwigsburg? Viele unserer Leser sind davon fest überzeugt. Sie haben uns in den vergangenen Wochen Leserbriefe geschickt, in denen sie uns ihre Beobachtungen geschildert haben: Die Elstern stehlen die Eier aus den Nestern der Singvögel.

Dieses Problem war auch im 19. Jahrhundert bekannt. Schon damals standen die Elstern im Verdacht, den Singvogelpopulationen gehörigen Schaden zuzufügen. Nur war damals die „Elstern-Gefahr“ kein Tabuthema. Der große Nutzen der Singvögel als „Raupenfresser“ war hoch angesehen und in Hoheneck wurden schon 1857 „Elsterprämien“ mit sichtbarem Erfolg gezahlt.

In einem Aufruf im Mai 1858 im Ludwigsburger Tagblatt, dem Vorgänger unserer Zeitung, heißt es: „Die Zeit, in welcher die Todfeinde der Singvögel, die Elstern brüten, ist gekommen und es dürfte die Aufforderung, deren Eier und Junge auszuheben, nicht überflüssig sein. Neuere Schriften, welche übereinstimmend den Schutz fast aller Vögel empfehlen, raten dringend zur Vertilgung der bösen, in jeder Hinsicht schädlichen Elstern, die nicht bloß die kleineren Vögel töten, sondern außerdem an Obst, Korn und Wein großen Schaden anrichten.“

Doch soll auch auf die Kehrseite dieser „Vogelliebe“ im 19. Jahrhundert nicht verheimlicht werden. Nicht nur die bösen Elstern „mochten“ die kleinen Vögel, die Menschen selbst erfreuten sich an den putzigen Singvögeln – nicht nur in der Natur, sondern auch in den engen Käfigen der heimischen Stube. Der Vogelfang war in diesen Zeiten beliebt und galt sogar als Sport.

Je nach Art wurden die Vögel verkauft, verzehrt, gefangen gehalten oder gezähmt und abgerichtet, um sich in Käfigen an ihrem Gesang und ihrem ansprechenden Gefieder zu erfreuen. Die Ludwigsburger spezialisierten sich vor allem auf den Fang der bekannten, einheimischen Vögel, die überall in der Umgebung lebten und mit Vogelfallen eingefangen oder als Jungvögel aus den Nestern genommen wurden.

Wie aus dem Ludwigsburger Wochenblatt von 1819 zu entnehmen ist, standen besonders Vögel wie der Distelfink (Stieglitz), das Rotkehlchen, die Grasmücke, die Mönchsgrasmücke, Lerchen und als Krönung aller Singvögel die Nachtigall auf der Fangliste.

Damals gab es viele Familien, die Singvögel in Käfigen in ihrer Wohnung hielten. Was heute kaum noch vorstellbar ist, war damals vollkommen normal. Von artgerechter Haltung konnte natürlich nicht gesprochen werden.

Die Lerchen wurden übrigens nicht für die Wohnung gefangen, sondern galten als Delikatesse. In einem in Auszügen abgedruckten Kochbuch von 1819 im Ludwigsburger Wochenblatt heißt es: „Gebratene Lerchen. Diese werden gerupft, die Haut wird über den Kopf abgezogen, die Vögel werden aber nicht ausgenommen, sondern die Füße und Flügel umgebogen, sauber in Wasser gewaschen, gesalzen, und an einem Vogelspieß gesteckt, daran man sie, unter Öfteren begießen mit Butter, braten lässt. Wenn sie bald fertig sind, bestreut man sie mit Semmelmehl und lässt sie vollends gelb werden.“

In den Ludwigsburger Schlossanlagen waren die Nachtigallen sehr verbreitet. Mit speziellen Vogelfallen wurden sie dort gefangen. In Annoncen im Ludwigsburger Wochenblatt wurden die singbegabten Vögel zum Verkauf angeboten: „2 vorzügliche Nachtigallen, die schon einige Wochen schlagen, sind zu verkaufen.“ Ein besonderes Nachtigallen-Kaufangebot gab es im März 1830: „Es ist eine Nachtigall zu verkaufen, für welche als Nachtschläger Versicherung gegeben werden kann.“

Einige Ludwigsburger Händler nutzten diese Vogelbegeisterung für ein gutes Geschäft, und bereicherten ihr Angebot mit Vogelfutter. „Hanfsamen, Haberkörner (Hafer), weißen Mohnsamen und Ameiseneier, wird allen Vogelfreunden zu gefälliger Abnahme empfohlen.“

Mit Ameiseneiern sind Ameisenpuppen gemeint. Die Puppen der Wiesenameisen wurden gesammelt und frisch an die Vögel verfüttert, sie galten als eine sehr nahrhafte Nahrung.

Neben dem Erwerb eines Vogels ging der Kauf eines Käfigs einher. Den kaufte man am besten in einem Quincaillerie-Geschäft, bei einem Kaufmann, der verschiedene Haushaltswaren aus Eisen, Messing oder Draht anbot.

Um 1840 galt Ludwigsburg als Stadt der „Vogelkäfig-Industrie“. Besonders bekannt sind die Vogelkäfige der Firma Wagner & Keller, die 1842 unter dem Namen Vetter und Hezel als Blechwarenfabrik gegründet wurde.

Die gefangenen Singvögel saßen nicht nur zur Zierde in ihren Käfigen herum, sie wurden auch animiert, zu singen. Dafür gab es Vogelorgeln, die sogenannte Serinette. Eine kleine Handdrehorgel, die zum Abrichten der Singvögel verwendet wurde.

So heißt es im August 1819 im Ludwigsburger Wochenblatt: „Eine Spieluhr zum Lernen für Singvögel hat Schmiedemeister Schreiber zu verkaufen.“

Schon um 1840 kam hierzulande aber die Tierschutz-Bewegung auf. Es gab immer mehr Klagen über das Ausnehmen der Vogelnester und das Einfangen der Vögel. Um die oft mit Rohheit und Grausamkeit verbundene Zerstörung der Vogelnester während der Brutzeit zu verhindern, wurden schon damals verschiedene Regeln aufgestellt. Zeitweise wurde es auch verboten, Vögel und Vogelnester zu verkaufen. „Ein Erwachsener, der durch Ausnehmen von Vogelnester Ärgernis gibt, ist mit der Geldbuße bis zu 15 Gulden oder Arrest bis zu 8 Tagen zu bestrafen und die betroffene Schuljugend wird eine körperliche Züchtigung erhalten.“

Doch kaum jemand hielt sich an das Verbot. Nach wie vor streiften Vogelfänger durch Wald und Flur.

Im April 1850 wurde ein Nachtigallenfänger im Schlossgarten in flagranti erwischt: „Schon längst besteht das lobenswerte Verbot des Einfangens der Singvögel im Schlossgarten, namentlich der Nachtigallen. Jedes Jahr aber gibt es der mutwilligen Übertreter genug, die nicht bekannt und der Behörde nicht angezeigt werden. Heute gelang es dem Schlossgartenportier Falkenstein, einen solchen Nachtigallenfänger zu erwischen und zur Bestrafung zu bringen. An das den Schlossgarten besuchende Publikum wird nun die Bitte gerichtet, ebenfalls zur Beendigung dieses Unfugs mitzuwirken, und die Gartenwächter auf solche Vogelfänger aufmerksam zu machen“, heißt es damals in unserer Zeitung.

Ein scharf formulierter Leserbrief vom Mai 1868 appelliert mit großer Deutlichkeit an die Vernunft der Ludwigsburger Zeitungsleser: „Der liebliche Nachtigallenschlag in den K. Anlagen ist verstummt! Diese niedlichen Tierchen sind von gefühllosen Menschen weggefangen, wahrscheinlich verkauft und für immer ihrer Freiheit beraubt worden. Wenn diese Vogelfänger, wie die etwaigen Käufer, auch nur einen Funken von Gefühl besitzen, so machen sie vielleicht den Handel wieder rückgängig und setzen diese unschuldigen und ebenso nützlichen Vögel wieder in Freiheit. Aber auch an die gesetzgebenden Organe in allen Ländern Europas dürfte die dringende Bitte gerichtet werden: möchten doch mit aller Energie die Besteuerung des Haltens der insektenfressenden Singvögel mit je mindestens 50 Gulden ins Leben treten lassen, dann wird deren Wegfangen bald ein Ende haben. Aber auch der Verkauf der zum Verspeisen gefangener und getöteter Lerchen dürfte mit einer Verkaufssteuer von etwa 5 Gulden pro Stück belegt werden, denn auch diese Tierchen sind viel seltener geworden. Wann werden denn gewisse Menschen endlich einmal menschlich denken und menschlich handeln lernen?“

Info: Unsere Autorin Christa Lieb befasst sich mit Lokalgeschichte und historischen Kriminalfällen. Derzeit bearbeitet sie die historischen Bände unserer Zeitung. Die Illustrationen stammen vom Neckarweihinger Künstler und Grafiker Wolfgang Kern.

Christa Lieb
14. April 2017
Impressum | Datenschutz