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Kreis Ludwigsburg

Für eine altersgerechte Infrastruktur

Barrierefreiheit und Mobilität: Im Alter gehören sie häufig zusammen. Foto: Oliver Berg/dpa

Die Bevölkerung Baden-Württembergs wächst und wächst – um 62 Prozent seit 1952. Der Kreis Ludwigsburg ist ein schlagendes Beispiel: Hier ist die Einwohnerzahl in den letzten sieben Jahren um 32 000 auf jetzt über 540 000 gestiegen – das ist eine Stadt in der Größenordnung Kornwestheims. Die Bevölkerung wächst aber nicht nur, sie wird auch immer älter. „Mein Jahrgang 1964“, sagt Thaddäus Kunzmann, „war bei meiner Geburt der geburtenstärkste Jahrgang bis dahin. Er ist es heute noch – und er wird es auch noch in 15 Jahren sein, wenn wir in Rente gehen.“ Der demografische Wandel, das Altern der Gesellschaft, ist zwar in aller Munde. Seine Dramatik und „Wucht“, meint der Demografiebeauftragte des Landes, sei aber noch längst nicht in den Köpfen und in der Politik angekommen.

Zur Überraschung seines Publikums ist für Kunzmann der Ausbau von Pflegeeinrichtungen dabei weder das größte noch das drängendste Problem. Wenn sich die Generation der Babyboomer in den nächsten 20 Jahren komplett aus dem Erwerbsleben verabschiedet, werde zunächst – ab etwa 2025 – ein dramatischer Fachkräftemangel die Folge sein. Der sei nach Einschätzung der IHK in der Region Stuttgart das größte Zukunftsrisiko für die heimische Wirtschaft und werde sich schon mittelfristig dramatisch zuspitzen. Ein Einwanderungsgesetz und eine unbürokratische Anerkennung ausländischer Schul- und Berufsabschlüsse seien Gebote der Stunde. Schließlich müsse der Südwesten 500 000 ausländische, großteils nicht-europäische Fachkräfte für sich gewinnen. „Das ist eine Frage unseres Wohlstands“, sagte der CDU-Politiker.

Damit erhöhe sich der Druck auf den Wohnungsmarkt gewaltig. Und der Wohnungsmarkt, da ist Kunzmann sicher, ist das Feld, auf dem die entscheidende Schlacht um die Bewältigung des demografischen Wandels geschlagen wird. Die alternde Gesellschaft müsse nämlich alles daran setzen, ihren Senioren, so lange es irgendwie geht, ein selbstständiges Leben zu erhalten, sie möglichst erst gar nicht zu Heimbewohnern werden zu lassen. Allein in Baden-Württemberg würden daher bis 2040 eine halbe Million „barrierearmer“ Wohnungen gebraucht. Bei einem jährlichen Zubau von insgesamt 32 000 Wohneinheiten sei das mit Neubauten allein nicht zu schaffen – man müsse massiv in den Bestand gehen. Kunzmann fordert deshalb ein ausreichend ausgestattetes Förderprogramm zum altersgerechten Umbau von Bestandswohnungen, die bestehenden Programme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) seien regelmäßig schon nach sechs Jahren überzeichnet. „Altersgerechtes Sanieren muss endlich so wichtig werden wie energetische Sanierungen“, so der Demografiebeauftragte.

Mit mehr Geld allein sei es aber nicht getan. Kunzmann vermisst insbesondere Anreize für Vermieter, bestehende Mietwohnung für ihre Mieter barrierearm renovieren zu lassen, ohne dass daraus unzumutbare Mieterhöhungen resultieren. „Die Hälfte meiner Generation lebt zur Miete“, sagt er.

Wer auch mit Rollator oder Rollstuhl in den gewohnten vier Wänden bleiben kann, ist trotzdem auf eine funktionierende Nahversorgung angewiesen. Kunzmann wirbt deshalb für einen massiven Ausbau von Rufsystemen im öffentlichen Nahverkehr. Und er hofft auf schnelle Fortschritte beim autonomen Fahren: „Nur wer mobil bleibt, vereinsamt nicht“ – und soziale Kontakte seien nun mal der beste Schutz vor Depressionen und Demenz.

Die Chance, den notwendigen Umbau der Infrastruktur zu packen, sieht Kunzmann in der Digitalisierung – von der Telemedizin bis zum staubsaugenden Roboter. Konsequenz: ein schneller und flächendeckender Ausbau des Breitbandnetzes. Und der Zeithorizont, um das alles zu stemmen? „Wir haben noch etwa 15 Jahre“, sagt Kunzmann. Dann gehen auch die letzten Babyboomer allmählich in Rente.

Steffen Pross
06. August 2018
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