Montag, 18.12.2017, 21:24 Uhr
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Ludwigsburg

Ein Kontinent zeigt seine kulturelle Vielfalt

Die Trommlergruppe Kaira Percu vor der Stadtkirche. Foto: Holm Wolschendorf

Ungewohnte Klänge schallen am Samstagmittag durch die Ludwigsburger Fußgängerzone. Bevor der Musiker Stone Karim Mohamad aus Kamerun auf der mobilen Bühne an der evangelischen Stadtkirche steht, sind die Techniker mit Soundcheck beschäftigt und drehen ihre Anlage ordentlich auf. Entspannter Afro-Pop bildet die hierzulande eher seltene Klangkulisse bei der samstäglichen Shopping-Tour.

Auch wenn die Passanten das lautstarke Intermezzo auf der noch leeren Bühne eher neugierig als genervt zur Kenntnis nehmen, lassen die Beschwerden ansässiger Gewerbetreibender nicht lange auf sich warten. Die Polizei fährt kurz vor, die Lautstärke wird heruntergedrosselt – in einer schwäbischen Fußgängerzone wird am Samstagnachmittag nicht gefeiert, sondern konsumiert.

Es ist das erste Mal, dass die Afrikatage Präsenz im öffentlichen Raum zeigen. In der vergangenen Woche hat der in Ludwigsburg ansässige Verein „Afrika hilft Afrika“ in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und weiteren Partnern Vorträge und Diskussionsrunden mit hochkarätigen Gästen sowie einen Filmabend und ein Benefizkonzert für Burkina Faso initiiert.

Allerdings fanden diese Veranstaltungen in einem geschützten Rahmen wie dem Kulturzentrum, der evangelischen Hochschule oder der Friedenskirche statt. Mit dem Afrikamarkt und dem Bühnenprogramm an der Stadtkirche wagt der Verein ein Experiment und begibt sich nun sozusagen in die freie Wildbahn. „Die Afrikaner in Ludwigsburg sind ja eine verhältnismäßig kleine Minderheit“, sagt der „Afrika-für-Afrika“-Vorsitzende Saliou Gueye. „Wir sind wenig sichtbar – mit den Afrikatagen und heute auch dem Afrikamarkt wollen wir das Gesicht des afrikanischen Kontinents zeigen, Afrika mehr in das Bewusstsein der Menschen rücken.“

Vereinsmitglieder servieren afrikanisches Essen, ein Kunstwanderker bietet seine Waren. Kommerzielle Aspekte stünden aber nicht im Vordergrund, betont Saliou Gueye. Vielmehr ist neben Informationen über den Verein reichlich Tanz und Musik angesagt, und „Afrika für Afrika“ konnte für die Premiere exzellente Künstler verpflichten.

Nach dem lautstarken Soundcheck und dem Auftritt der Trommelgruppe Kaira Percu (Senegal und Gambia) ist Stone Karim Mohamad an der Reihe. Der von einem Schlagzeuger und einem Bassisten begleitete Sänger aus Kamerun friert und bildet damit bei herbstlichen Temperaturen keine Ausnahme, auch wenn seine aus Hip-Hop- und Reggae-Elementen bestehende Musik eigentlich für wärmere Gefilde konzipiert ist. Stone Karim Mohamads Sprechgesang speist sich aus vielen Sprachen. In sein Englisch fließen Pidgin-Anteile wie im jamaikanischen Patois ein, sein Französisch wandelt sich immer wieder fließend zu einer Kreol-Sprache, wie sie etwa auf Haiti weit verbreitet ist.

Das ist ein echter Aufeinanderprall von Kulturen, wobei sich immer wieder vorbeieilende Einkäufer von der virtuosen Sprachakrobatik des Künstlers faszinieren lassen und vor der Bühne innehalten. Anschließend erweisen sich auch Akeva (African Soul aus Deutschland/Demokratische Republik Kongo) und Denyo Rasmi (Afro-Pop aus Tansania) als würdige Vertreter afrikanischer Musikkultur.

Neben der Förderung von Projekten in Afrika unterstützt der Verein auch afrikanische Einwanderer in Stadt und Landkreis Ludwigsburg. Auf Hilfe angewiesen sind vor allem junge Menschen speziell aus westafrikanischen Ländern, für die Deutschland in jüngster Zeit zu einem wichtigen Auswanderungsziel geworden ist. Vereinsmitglieder helfen unter anderem bei der Vermittlung von Sprachkursen, begleiten bei Behördengängen und spielen regelmäßig mit ihren Schützlingen Fußball. „Wir wollen das Ankommen erleichtern“, sagt der Vereinsvorsitzende Gueye. „Aber wir vermitteln von Anfang an: Ohne die deutsche Sprache geht nichts, ohne Sprachkenntnisse bekommt man auch keine Ausbildungsstelle.“

Frank Klein
08. Oktober 2017
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