Mittwoch, 23.08.2017, 19:36 Uhr
keine Daten 29 °C
Schwieberdingen/Vaihingen

Die AVL tut Buße – ein bisschen

Deponie am Froschgraben in Schwieberdingen: Von 2007 bis 2015 sind hier tonnenweise Bauschutt und Bodenaushub aus Atomanlagen in Karlsruhe gelandet. Foto: Werner Kuhnle

Als im August bekannt wird, dass 3350 Tonnen unbelasteter Müll aus dem Rückbau des Atomkraftwerks in Neckarwestheim auf den beiden Deponien des Kreises in Schwieberdingen und Vaihingen landen soll, hält sich die Begeisterung der betroffenen Kommunen in Grenzen, wie es der Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann euphemistisch ausdrückt.

Gut einen Monat später hat sich der Ton zwischen der kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft AVL und der Gemeinde Schwieberdingen verschärft. Verärgert und verwundert sind die Schwieberdinger mittlerweile über das Gebaren der Kreis-Abfallexperten. Der Grund: Recherchen unserer Zeitung, wonach die AVL bereits seit Jahren Bauschutt und Bodenaushub aus dem Forschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage annimmt – diese Geschäfte aber im Verborgenen betrieben hat. „Wir haben nicht die Notwendigkeit gesehen, die Standortgemeinden, den Landrat und die zuständigen Gremien einzubinden“, bekannte der technische Leiter der AVL, Albrecht Tschackert, am Mittwochabend in Schwieberdingen erneut. Die Gemeinde hatte Tschackert vor ihren Ausschuss für Umwelt und Technik zitiert. Den Auftritt im Sitzungssaal des Rathauses verfolgten Dutzende Bürger, so viele wie noch nie in einem Ausschuss der Gemeinde.

Tschackerts zentrales Argument: Der Abfall aus dem Karlsruher Forschungszentrum, in dem seit den 50er Jahren an Reaktoren getüftelt wird, gilt als freigemessen und wird somit wie konventioneller Abfall behandelt. Für die AVL habe es sich deshalb formalrechtlich um „Geschäfte der laufenden Verwaltung“ gehalten – also nicht weiter erwähnenswert.

Diesen Standpunkt haben die Müllexperten des Kreises allerdings exklusiv. Der Schwieberdinger Bürgermeister Lauxmann sagte: „Der AVL hätte klar sein müssen, dass die Öffentlichkeit ein Interesse daran hat zu erfahren, was auf den Deponien landet.“ Der Freie Wähler Hans-Peter Birkhold warf Tschackert vor, dass „die AVL kein Gespür dafür hat, was die Menschen bewegt und welche Ängste bei diesem Thema kursieren“. Und der Sozialdemokrat Lutz Enzensperger fand: „Das Vorgehen der AVL war verkehrt.“

Was die Betroffenen am meisten stört: Dass die AVL zahlreiche Möglichkeiten ausgelassen hat, um über ihre Geschäfte zu informieren. Die meisten Schwieberdinger sind sich einig, dass die AVL spätestens aktiv hätte werden müssen, als sie ankündigte, ab 2017 auch Bauschutt aus Neckarwestheim im Kreis zu entsorgen.

Tschackert räumte am Mittwochabend ein, dass sein Unternehmen den Sachverhalt vor einigen Jahren „noch nicht so eingeschätzt habe“ wie heute. Von 2007 bis Anfang dieses Jahres landeten nach Angaben des Müllfachmanns rund 324 Tonnen freigemessener Schutt aus den Karlsruher Atomanlagen im Kreis, 153 Tonnen in Schwieberdingen, etwas mehr in Vaihingen. So unbedenklich, dass das Material recycelt und im Straßenbau verwendet werden könnte, ist es freilich nicht.

In Zukunft will die AVL nach eigenen Angaben andere Wege gehen. Mit Blick auf den anfallenden Müll aus dem Neckarwestheimer Atomkraftwerk versichert Tschackert: „Wir haben bereits eine Informationsoffensive eingeleitet. Die AVL ist also besser geworden, als sie es in der Vergangenheit war.“ Die Kreise dürfen künftig Gutachter bestellen und den freigemessenen Abfall des Betreibers EnBW kontrollieren lassen. Aus Stichproben werden flächendeckende Untersuchungen. Darüber haben sich die Kreise, das Umweltministerium und die EnBW geeinigt. „Es waren komplizierte Verhandlungen“, erinnert sich der AVLer Tschackert. „Wir haben jetzt das höchste, denkbare Sicherheitsniveau erreicht.“ Er warb in Schwieberdingen um Verständnis, dass „wir während des laufenden Prozesses keine Informationen dazu geben konnten“.

Für die Schwieberdinger ist die Sache noch nicht erledigt. Am 30. September muss AVL-Geschäftsführer und Vizelandrat Utz Remlinger im Gemeinderat Rede und Antwort stehen. Die Aktive Bürgergemeinschaft ABG fordert eine Bürgerinfo in der Gemeinde. Die hat die AVL bereits angeboten, doch die ABG will eine eigene. Ein Sprecher sagte nach der Sitzung: „Bei einer AVL-Veranstaltung steht die Tendenz schon vorher fest.“ Kommentar

Philipp Schneider
17. September 2015
Impressum | Datenschutz