Montag, 19.11.2018, 19:07 Uhr
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Murr

Das große Glück im Hier und Jetzt

Samuel Koch (Mitte) und Samuel Harfst (links) im Gespräch. Foto: Holm Wolschendorf

„Hallo liebe Murrerinnen und Murrer“, sagt er wie einer, der ganz zufällig vorbeischaute. Diebisch hat er sich auf diesen Satz gefreut. Weil er so ulkig klang. Samuel Koch erfuhr aber bereits zum Auftakt seiner Konzertlesung in der Gemeindehalle, dass er eigentlich „Murr‘merinnen und Murr‘mer“ sagen müsste. Eine schwäbische Eigenheit eben.

Seinen Text „Das Glück ist mit den Dummen“ dichtete er auch sogleich auf Schwäbisch um: „Das Glück ist mit den Tüchtigen“. Aber mit dem Glück ist das so eine Sache, das erfuhren die rund 400 Besucher an diesem Spätnachmittag auf eindrucksvolle Weise.

Siebeneinhalb Jahre ist es her, dass Samuel Koch an der Show „Wetten dass..?“ teilnahm und sich beim Sprung über ein fahrendes Auto schwer verletzte. Der frühere Geräteturner ist seither vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Seit 2013 geht er mit dem Musiker Samuel Harfst und seiner Band auf Tour, die Konzertlesung nutzt sich nicht ab, weil Harfst in der Zwischenzeit neue Lieder geschrieben und Samuel Koch nach dem Erstling „Zwei Leben“ sein zweites Buch „Rolle vorwärts – Das Leben geht weiter, als man denkt“ veröffentlicht hat.

Der CVJM Murr hatte die Konzertlesung organisiert und die traf den Geschmack des Publikums. Weil die beiden Männer sich was zu sagen hatten, weil sie locker erzählten, aber eben auch kritisch hinterfragten. Samuel Koch machte das mit seinen Texten, Samuel Harfst mit seinen Liedern, beide ergänzten sich auf ideale Weise und so schuf die Konzertlesung Glücksmomente auch für die Menschen, die allzu gerne mit sich hadern, weil es gerade nicht so läuft wie gedacht.

Nichts geht, das gilt bei Samuel Koch nicht. Er machte in Ägypten die Wüstentour und war vor einem Jahr auf Safari in Afrika. Für den Reiseveranstalter war bewiesen: Auch Querschnittsgelähmte können Naturabenteuer erleben. Sie können aber kein Musical in Hamburg besuchen. Nach dem Afrikatrip sollte es „Der König der Löwen“ sein, er erfüllte einer Freundin einen langgehegten Wunsch. Die Karten waren bestellt, doch für den Rollstuhlfahrer gab es keinen Platz. Ob er auch aufstehen könne, wurde er gefragt. Der Veranstalter war nicht in der Lage, das Problem zu lösen, Koch und seine Begleiterin verließen daraufhin den Musical-Tempel. Und er brachte es auf den Punkt: „In Deutschland heißt es Vorschrift statt Fortschritt und Vorschriften sind nicht für, sondern gegen den Menschen gemacht“.

Der 30-Jährige sinnierte auch über das Glück. Ist Glück, wenn alles so kommt, wie man es sich vorgestellt hat? „Dann hätte ich keinen Grund mehr zum Glücklichsein“, sagte er. Und dann war da noch die Frage nach Nützlichkeit und Wert. Er sei vielleicht doch zu etwas nütze, sinnierte er. Schließlich sei er Arbeitgeber, er beschäftige einen ganzen Stab voller Leute. Blieben Hoffnung und Zuversicht. Samuel Koch schilderte einen Traum: Einfach aufzustehen, sich an einen Baum zu lehnen und sich auf eine Bank zu setzen. Er gibt nicht auf, weil er über ein intaktes Selbstwertgefühl verfügt. Vielleicht ist das der entscheidende Glücksfaktor.

Ein großes Glück ist, im Hier und Jetzt zu sein, das ist das Credo von Samuel Harfst, der zwischen den Texten Lieder aus seinem Album „Endlich da sein wo ich bin“ sang. Und die passten zu diesen Fragen nach Haben und Sein. „Mein letztes Hemd“ erzählt die Geschichte über einen Arbeitswütigen, dem am Ende seiner Karriere doch noch dämmert, dass irgendwas fehlt. Der einstige Straßenmusiker, der es ins Vorprogramm von Whitney Houston geschafft und auch schon ein Lied für Xavier Naidoo geschrieben hat, überraschte mit nachdenklichen, aber auch erfrischend positiven Titeln. Zur intensiven Atmosphäre trugen außerdem die Musiker Dirk Menger und David Harfst bei.

Angelika Baumeister
09. Juli 2018
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