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Ludwigsburg

Das Problem der Filterblase

Junge Menschen im Netz: Clemens Beisel wirbt für klare Regeln. Foto: Holm Wolschendorf

Das Kind macht Mathehausaufgaben und kommt nicht voran. Kein Wunder, denn ständig meldet sich das Smartphone. Wieder eine neue WhatsApp-Nachricht. Nach jeder Störung wird es schwieriger, sich neu zu konzentrieren, die Leistungsfähigkeit sinkt. Fachleute sprechen dann vom Sägeblatteffekt mit Tiefs und Hochs. Phänomene der modernen Mediennutzung stellte der Sozialpädagoge und Referent für soziale Medien bei seinem Vortrag der Ludwigsburger Kreiszeitung im Rahmen der Reihe „LKZ-Impulse“ vor.

Eltern und Interessierte waren ins Cicero der LKZ gekommen, um von dem 35-jährigen Pforzheimer mehr von der virtuellen Welt zu erfahren, in der sich Kinder und Jugendliche oft über mehrere Stunden am Tag bewegen. Das Smartphone weckt sie, wie das filmische Beispiel einer Studentin zeigte, und begleitet sie über den Tag: Beim Recherchieren oder Einkaufen im Internet, beim Nutzen sozialer Medien und sogar beim Sport. Die Lauf-App registriert alles.

Internationale Datenhändler reiben sich die Hände, denn sie können auf diese Weise gezielt Werbung absetzen. Jeder, der ein Smartphone hat, bewegt sich damit im Netz und hinterlässt Spuren. Und 95 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren besitzen eines.

Deren Lieblingsbeschäftigung: Die Nutzung sozialer Medien, und hoch im Kurs stehen WhatsApp, Instagram und Snapchat. Facebook verliert an Zuspruch, da sich hier bereits zu viele Erwachsene tummeln. „Information, Unterhaltung, Selbstdarstellung und soziale Interaktion“, so umriss Beisel die Funktion der sozialen Medien. Und er stellte auch gleich noch einen weiteren Fachbegriff vor: Die Filterblase beziehungsweise den Echokammereffekt. Die Erklärung: Webseiten versuchen per Algorithmus vorauszusagen, welche Informationen der Benutzer finden möchte.

Die Folge: Andere Meinungen oder Weltanschauungen kommen gar nicht mehr vor, der Mensch bewegt sich wie in einer Blase. Beisel berichtete von WhatsApp-Gruppen mit Jugendlichen, bei denen jeder Andersdenkende ausgeschlossen werde. „Die Art der Kommunikation ist das Problem", sagte Beisel. Und hier werde jungen Menschen kaum vermittelt, wie dies in gegenseitigem Respekt geschehen könne. „Die Empathie bleibt auf der Strecke, der Mensch stumpft ab“, so die Einschätzung des Referenten. Denn Mitgefühl könne sich nur im direkten Gespräch entwickeln. So erzählte der in der mobilen Jugendarbeit erfahrene Experte von einer Zehntklässlerin, die mit ihrem Freund, ihrer ersten großen Liebe, erotische Fotos übers Internet ausgetauscht hatte. Irgendwann wusste die ganze Schulklasse davon.

Cybermobbing, also das gezielte Beleidigen, Bedrohen und Bloßstellen über einen längeren Zeitraum hinweg hinterlässt tiefe seelische Wunden. Beisel verwies in diesem Zusammenhang auf eine Erste-Hilfe-App zu Cybermobbing, wo Guides in kurzen Videoclips konkrete Verhaltenstipps geben und den Betroffenen auch Mut zusprechen. Es gibt überdies Hinweise zum Melden, Blockieren und Löschen beleidigender Kommentare. Manchmal mache es auch Sinn, einen entsprechenden Chat zu exportieren, um ihn dann per E-Mail beispielsweise der Polizei zu überlassen, so Beisel. Seiner Einschätzung nach gibt es folgendes Grundproblem: „Wenn es einen Konflikt gibt, dann schlafen wir nicht mehr darüber, sondern schießen sofort was raus, statt zu reflektieren und einfach mal tief durchzuatmen“.

Seine Tipps an Eltern:

Klare Regeln vereinbaren und mit den Kindern einen Mediennutzungsvertrag abschließen.

Bei Jugendlichen unter 14 Jahren die Inhalte regelmäßig kontrollieren und sie auch für problematische Inhalte sensibilisieren.

Die Mediennutzung der Kinder kritisch hinterfragen. Geschieht das nur aus Langeweile?

Kinder und Jugendliche an der Entstehung der Regeln beteiligen.

Alltagsnahe Medien- und Handlungskompetenz vermitteln.

Den Kindern bei der Mediennutzung auch ein gutes Beispiel sein.

Interesse an den Medien, die der Nachwuchs nutzt, zeigen.

Info: Weitere Infos: www.clemenshilft.de.

Angelika Baumeister
06. Oktober 2017
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