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Ludwigsburg

Das Gegenteil von modernistisch

Historischer Ansatz: Dorothee Oberlinger (vorne) dirigiert, Anna Dennis (im gepunkteten Kleid) singt.Foto: Holm Wolschendorf

Während Ordenssaal und Schlosskirche regelmäßig im Veranstaltungskalender auftauchen, ist es mittlerweile schon drei Jahre her, dass die Festspiele das Schlosstheater bespielten. Heute, morgen und am Samstag wird nun ein ganz besonderes Projekt auf die Beine gestellt: Die Barockoper „Lucio Cornelio Silla“ von Georg Friedrich Händel wird mit originalen Kulissenelementen aus den frühen Jahren des prächtigen Ludwigsburger Theaters bestritten. „An genau so einen Platz gehört diese Musik“, schwärmt Dorothee Oberlinger, die das multinationale Ensemble 1700 in dieser Inszenierung leitet, in einer Probenpause. Die gebürtige Aachenerin ist bei den Schlossfestspielen bisher als Blockflötistin in Erscheinung getreten, 2016 spielte sie das Telemann-Programm „Gypsy Barock“. Nun steht sie im Orchestergraben, der hier auf gleicher Höhe mit dem Publikum ist, und parliert mit den Musikern munter auf Deutsch, Englisch und Italienisch.

„Viva L’Amor“, singt Anna Dennis, die in der Inszenierung die Metella gibt. Im Hintergrund wird auf einer Leiter noch über die wenigen neuen Bühnenelemente gewischt und gemalert, als wäre das Teil der Aufführung, Akkuschrauber surren leise. Es gäbe genug Anknüpfungpunkte für eine möglicherweise sogar übertrieben moderne Deutung des herrischen Hauptprotagonisten, dem wahnsinnigen römischen Feldherren Silla. So hätte man Dmitry Sinkovsky, der die Rolle gibt, sicherlich eine gelbblond gefärbte Föhnfrisur angedeihen lassen können. Doch derlei Verweise auf den ranghöchsten aktuellen US-Politiker sind bei diesem Projekt ganz außen vor. Keine Weltpolitik im heimeligen Theatersaal. Es soll ganz bewusst ein antimodernistischer Ansatz gepflegt werden, ein Ur-Erlebnis. „Das Ganze wird ganz barock, fast archäologisch“, erklärt Oberlinger. „Die Zuschauer sollen sich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt fühlen.“ Der ganz bewusste programmatische Kontrapunkt, den Festspielintendant Thomas Wördehoff oft sucht und findet, spielt hier keine Rolle – ein Kontrapunkt zum Kontrapunkt gewissermaßen.

Im Jahr 1758 wurde das Theater auf Geheiß von Herzog Carl Eugen gebaut, in gerademal 40 Tagen, von einer ganzen Armee von Arbeitern. Heute ist es das älteste Schlosstheater Europas mit noch originaler Bühnenmaschinerie, mit der sich Elemente heben und senken, aber auch Geräusche wie Wind, Donner und Regen produzieren lassen, indem beispielsweise ein Tuch über eine Holzfläche gezogen wird. „So etwas wie hier gibt es wirklich nur noch selten“, sagt Oberlinger. „Ein echtes Juwel.“ Faszinierend ist es für den Betrachter, wie gut die alten Leinwände, die durch geschickte Staffelung auf der Bühne nach dem Prinzip des Dioramas einen räumlichen Eindruck vermitteln, nach all den Jahrhunderten noch erhalten sind. 200 Elemente zählt der Ludwigsburger Fundus noch, insgesamt ergeben sich daraus zwölf Gesamtbilder. Ein Teil davon wird bei der Händel-Oper eingesetzt. Was den Musikern mit ihren teils historischen Instrumenten zusätzliche Arbeit abverlangt, ist die Akustik. Die sei ungewöhnlich trocken, stellt Oberlinger fest. Weniger scharfe, mehr runde, leichte Klänge sind gefragt, weil der Raum nichts verzeiht. Und die Zuhörer ja gelegentlich auch nicht. Regisseurin Margit Legler gilt indes als Expertin für historische Gestik und Mimik. Ohne den Text verstehen zu müssen, so war es in der Epoche der Affekte üblich, konnte man die Emotionen der Handelnden nachvollziehen. Das ist auch an den drei bereits ausverkauften Abenden im Schlosstheater das Ziel.

Johannes Koch
04. Juli 2018
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