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Ludwigsburg

Bürgerbeteiligung mit dem Kochlöffel

Der Andrang war groß, als in Pforzheim im vergangenen Jahr das Landesmodellprojekt Nachbarschaftsgespräche startete. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte am Tisch der Bürger Platz genommen, um zu hören, wo der Schuh drückt. Diese Form der sogenannten aufsuchenden Bürgerbeteiligung wurde 2017 auch in einigen Stadtteilen Mannheims und Freiburgs getestet.

Jetzt will die Stadtverwaltung in Ludwigsburg dem Beispiel der Modellstädte folgen und im Stadtteil Neckarweihingen Bürger zu sogenannten Kochlöffeldialogen einladen. Anders als in Mannheim und Freiburg soll nämlich nicht nur geredet werden. Auch gemeinsames Kochen und Essen stehen auf dem Programm. Für die aus dem Rathaus initiierten Nachbarschaftsgespräche gibt es 15 000 Euro Fördergeld vom Land.

Tobias Schwärzl ist im Rathaus für Neckarweihingen zuständig und hat ein Konzept ausgetüftelt. „Wir wollen einen geeigneten atmosphärischen Rahmen für die Gespräche schaffen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Gemeinsames Kochen und Essen mitten im Stadtteil soll für die richtige Atmosphäre sorgen, so die Idee von Tobias Schwärzl. Er sei zwar kein Profikoch, stehe aber privat selbst gern am Herd. Für die Kochlöffeldialoge holt er sich Unterstützung von den Expertinnen aus dem Ernährungszentrum. „Ich habe versucht, Synergien aus dem Förderprogramm und bestehenden Projekten zu schaffen.“ Bei den Kochabenden soll auch das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle spielen. So werde nach dem Konzept „Awaruli – Alles was rumliegt“ mit Rezepten aus der kreativen Resteküche gekocht.

Die Kochlöffeldialoge könnten auch eine Antwort auf die Frage sein, wie man die Menschen im Stadtteil erreicht. „Wir wollen stille Gruppen aktivieren“, so Schwärzl. Bisher finde der Dialog im Stadtteil vor allem mit altbekannten, meist älteren Menschen statt. Mit der neuen Form der aufsuchenden Beteiligung soll versucht werden, die stillen Gruppen zu aktivieren. „Es sollen sogenannte Zufallsbürger am Tisch Platz nehmen“, so Schwärzl. Für die soziale Durchmischung beim Stadtteildinner werden mithilfe des Melderegisters per Zufallsverfahren acht Kandidaten für den Kochlöffeldialog ausgewählt. Aspekte wie Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, Familienstand und Meldezeitpunkt im Stadtteil sollen repräsentiert werden. Je nach Thema können dann bis zu sechs weitere Personen dazustoßen. Das Projektteam aus dem Rathaus sei natürlich ebenfalls beteiligt. „Wir wollen außergewöhnliche Konstellationen schaffen“, so Tobias Schwärzl über die Gästeliste.

Gekocht werden soll aber nicht bei den Bürgern zu Hause sondern an verschiedenen Orten im Stadtteil, die barrierefrei erreichbar sind – zum Beispiel das neue Kinder- und Familienzentrum in Neckarweihingen.

Der erste Kochlöffeldialog ist für Mitte Juli geplant, das Gesprächsthema fürs Abendessen steht auch schon fest: Sport, Freizeit und Erholung sollen diskutiert werden. Was es zum Essen gibt, verrät Tobias Schwärzl derweil noch nicht. Ende Oktober soll es dann in einer zweiten Runde um Kinder, Jugend und Familie gehen. Für zwei weitere Kochlöffeldialoge zu den Themen vitaler Ortskern und Zusammenleben gibt es bereits Ideen, aber noch keine Termine.

Die Ergebnisse der Kochlöffeldialoge sollen nicht nur der Verwaltungsspitze zugetragen werden, so Schwärzl. Es gibt aktuell im Rathaus dazu unterschiedliche Überlegungen. So werde in Erwägung gezogen, die Ergebnisse der einzelnen Dialoge an einem Festabend zu präsentieren. Auch ein nachhaltiges Kochbuch mit den Rezepten, die zubereitet wurden und den Ergebnissen der Gespräche, könnte eine Möglichkeit sein. „Wir wollen die Ergebnisse schnell an die Bürger zurückspiegeln“, versichert er.

Wird demnächst auch in anderen Stadtteilen mit Einladung aus dem Rathaus gekocht und diskutiert? „Zunächst ist nicht geplant, diese Form der Beteiligung auch in anderen Stadtteilen anzuwenden. Wir wollen den Testballon zunächst in Ludwigsburg fliegen lassen“, sagt Tobias Schwärzl. „Ausgeschlossen ist es nicht.“

„Die Nachbarschaftsgespräche sind ein gelungenes Beispiel dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger in unserem Land sich dafür engagieren, ihr Umfeld aktiv mitzugestalten und dass die Politik die Bürgerschaft auch hört“, das hat zumindest Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach seinem Besuch bei einem Nachbarschaftsgespräch gesagt.

Stephanie Bajorat
11. Mai 2018
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