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Möglingen

Botschaften eines geläuterten Gangsters

Maximilian Pollux ist 13 Jahre alt, als er sich entscheidet, ein Gangster zu werden. Er schließt sich einer Bande an, die ihn als Kurier für Drogentransporte von Holland nach Deutschland einsetzt. Pollux träumt von dicken Autos, hübschen Mädchen und Reisen um die Welt. Doch nichts davon wird wahr.

Als Pollux 19 ist, sucht ihn die Justiz per Haftbefehl. Die Vorwürfe: räuberische Erpressung, Drogenhandel und Waffengeschichten. Für zwei Jahre taucht Pollux unter. Er hat keine Freunde mehr, keinen Ausweis und kein Geld. In Amsterdam nimmt ihn ein Sondereinsatzkommando fest. Sie stülpen ihm eine Plastiktüte übers Gesicht, drücken ihn zu Boden und fixieren ihn mit Kabelbindern. Pollux geht für fast zehn Jahre in den Knast.

Am Dienstagmorgen sitzt Maximilian Pollux, der in Wirklichkeit anders heißt, in einem Klassenzimmer der Möglinger Furtbachschule, einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum, mit knapp zehn Schülern in einem Stuhlkreis. Er trägt eine schwarze Hornbrille, Bart, T-Shirt und Bluejeans. Pollux, 35, ist mittlerweile auf Bewährung draußen und befindet sich auf einer Mission: Er will Schülern eine Zukunft als Kriminelle ersparen, indem er mit ihnen über seine Vergangenheit spricht.

Ein Mädchen aus dem Stuhlkreis meldet sich mit einer Frage: „Wie ist es im Gefängnis?“ Pollux erzählt, wie es sich anfühlt, mit sechs Männern eine Toilette zu teilen, essen zu müssen, was eigentlich im Abfall landen sollte, oder so lange isoliert zu werden, dass einem der Verstand flöten geht. Als ein Insasse unter der Dusche abgestochen wird, beschließt Pollux, sein Leben zu ändern. Er legt im Knast sein Fachabitur ab und beginnt eine Lehre als Bürokaufmann. Im Rückblick sagt er: „Ich habe mich trotz Gefängnis geändert – nicht wegen Gefängnis.“

Auf einer Buchmesse spricht ihn eine Lehrerin an und schlägt ihm vor, Präventionsarbeit an Schulen zu machen, Die Möglinger Rektorin Esther Alpha hört Pollux‘ Geschichte im Radio und lädt ihn ein. „Ich bin überzeugt, dass Präventionsarbeit erfolgreicher ist, wenn Schüler mit echten Menschen und ihren Geschichten in Kontakt kommen – anstatt ihnen das Strafgesetzbuch herunterzubeten“, sagt die Pädagogin.

Pollux ist jetzt Autor. Er hat gerade einen Roman fertiggestellt, eine seiner Erzählungen, die er auch in Möglingen vorträgt, ist in dem Sammelband „Zappenduster“ erschienen. Die Texte stammen von ehemaligen Häftlingen. „Sie sind sehr drastisch und gehen einem nah“, sagt Alpha.

Zum Schluss fragt Pollux die Schüler, ob sie abends schon mal mit einem Messer das Haus verlassen. Vereinzelt gehen Finger in die Höhe. Die Schüler geben Selbstverteidigung als Motivation an, was Pollux in Rage bringt. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Messer eine Verteidigungswaffe ist“, sagt er. „Man kann mit einem Messer nur angreifen.“

Pollux weiß, dass er andere Menschen nicht davon abhalten kann, falsche Entscheidungen zu treffen. Was er aber leisten kann: Jugendlichen die Konsequenzen aufzuzeigen und ihnen zu erzählen, was sie im Knast erwartet. Pollux sagt: „Wenn mir nur ein Schüler verspricht, künftig das Messer zu Hause zu lassen, ist das ein Erfolgserlebnis für mich.“

Philipp Schneider
10. Mai 2018
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