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Schwieberdingen

Bosch in Schwieberdingen: Vom Wandel der Arbeitswelt

In höchsten Tönen schwärmt der Bosch-Konzern von Schwieberdingen. Die Rede ist von „gepflegten Grünanlagen“, „idyllischen Zügen“ und einer „hübschen Umgebung“, von Schwieberdingen als einem „beliebten Ausflugsort“, in dem es Schulen, Ärzte und Banken, Vereine, Kindergärten, eine evangelische und eine katholische Kirche gebe.

Die Huldigung stammt aus der Firmeninfo „Ausblick nach Schwieberdingen“ vom Juli 1968: Mit der Lobpreisung sollte Bosch-Mitarbeitern der Umzug von der Stadt aufs Land schmackhaft gemacht werden – das Unternehmen gab seine Werksanlage in der Stuttgarter Innenstadt auf, um auf die Gerlinger Schillerhöhe und nach Schwieberdingen zu wechseln.

Start mit 1500 Mitarbeitern

1500 Mitarbeiter begannen im Oktober 1968 mit der Arbeit im neuen technischen Entwicklungszentrum im Kreis Ludwigsburg. Die Würdigung Schwieberdingens im Unternehmensblatt „Ausblick“ fiel so fulminant und besenrein aus, dass manche Ehefrau sich nach dem Umzug wunderte, dass es in Schwieberdingen tatsächlich noch Misthaufen gab.

Ein solcher Haufen ist auf einem Foto der Ausstellung zu sehen, die morgen im Schwieberdinger Ortsmuseum eröffnet wird. Darin geht es um die Entwicklung des Bosch-Standorts und der Gemeinde – „Schwieberdingen wuchs mit Bosch mit“, sagt Ingeborg Plachetta. Laut der Museumsleiterin erfüllt die Ausstellung die Funktion eines Gucklochs: Das Unternehmen gewährt seltene Einblicke in die Entwicklungsarbeit des Schwieberdinger Standorts.

Die Schau macht deutlich, wie eng Firmen- und Gemeindeleben miteinander verzahnt sind. Die Bosch-Siedlungs-GmbH baute Eigentumswohnungen im Ort, Anfang der 70er Jahre saß mit Helmut Mohl der erste „Boschler“ im Schwieberdinger Gemeinderat. Die Betriebsfeuerwehr leiht der Freiwilligen Feuerwehr ihre große Drehleiter, Betriebssportgruppen nutzen Gemeindeeinrichtungen, kommunale Kita-Gruppen besuchen Forscherstunden in der Bosch-Kita. Kooperationen gibt es etwa bei E-Mobilität, Modellbau, beim Schießen und beim Tanzen.

Ohne den damaligen Bürgermeister Hermann Butzer hätte es Bosch in Schwieberdingen womöglich nicht gegeben. Mehrere Gemeinden hatten um das Unternehmen geworben – darunter Tamm, wie Jubiläums-Projektleiter Jürgen Schmatz erzählt.

Das Rennen aber machte Schwieberdingen, weil Butzer etwa 100 Grundstücksbesitzer von Abgabe oder Tausch ihrer Flächen überzeugte. So konnte er Bosch 20 Hektar anbieten – eine Fläche, die sich bis heute auf 45 Hektar vergrößert hat.

15 000 Essen am Tag ausgeliefert

Die Ausstellung zeigt eine sich wandelnde Arbeitswelt – weg von der Mechanik, hin zur Elektronik. Und: Weg von der Gaststätte „Schöne Aussicht“, die in den 60er Jahren für Bauarbeiter und Bürger errichtet wurde, weg von der „Traumküche“ genannten Kantine, die täglich auch 15 000 Essen an andere Bosch-Standorte lieferte. Im Sommer 2018 öffnet die neue hochmoderne Kantine – die als solche nicht mehr bezeichnet wird. Bei Bosch heißt das heute „Betriebsrestaurant“.

Wolf-Dieter Retzbach
09. März 2018
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