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Markgröningen

Bewohner legt tödlichen Brand

Brandgeruch liegt über dem Marktplatz, einige Feuerwehrleute sitzen erschöpft auf den Stühlen, die zum Restaurant und Hotel „Zum treuen Bartel“ gehören. Seit dem frühen Morgen waren sie im Einsatz gewesen, um das Feuer in der benachbarten Sozialunterkunft zu löschen. Acht Menschen konnten sie retten, doch für eine 54 Jahre alte Bewohnerin und ihren 56 Jahre alten Besucher kam schon in der Nacht jede Hilfe zu spät. Sie starben noch am Unglücksort, Ursache war wohl eine Rauchgasvergiftung. Ein 45- und ein 60-Jähriger kamen mit lebensgefährlichen Verletzungen in eine Klinik. Am Abend wird bekannt, dass auch der Ältere nicht überlebt hat, der Jüngere schwebt nach noch in Lebensgefahr.

Zudem wurde ein 66 Jahre alter Mann stationär aufgenommen, bei ihm war zunächst eine schwere Verletzung gemeldet worden. Am Abend jedoch heißt es, dass er nur leicht verletzt ist – und das Feuer im Aufenthaltsraum gelegt haben soll. Der einschlägig Vorbestrafte habe das in einer Vernehmung eingeräumt, Hintergründe seien in seiner „emotionalen Gemütslage zu suchen“, so Polizei und Staatsanwaltschaft. Der 66-Jährige wurde bereits von einem Richter in ein Gefängnis eingewiesen.

Gegen 2.11 Uhr war von Anrufern der Brand gemeldet worden, daraufhin rückten Feuerwehren aus Markgröningen sowie Tamm, Schwieberdingen, dem Hardt- und Schönbühlhof und Ludwigsburg aus. Über das Treppenhaus verbreitete sich dann der Rauch auf die oberen Stockwerke. Insgesamt waren 150 Kräfte im Einsatz, dazu Polizei sowie Sanitäter und Ärzte vom Deutschen Roten Kreuz. Nach rund einer halben Stunde war das Feuer unter Kontrolle.

Auch Nachbarn halfen bei der Rettung, erzählt Martina Botscheller am Morgen. Sie ist derzeit auf Besuch, übernachtete im „treuen Bartel“. Wobei an Schlaf ab kurz nach zwei Uhr nicht mehr zu denken war. Jemand habe nach Hilfe geschrien und dann sei alles ganz schnell gegangen, berichtet Ilona Maulick. Ihr Bruder, der Hotelbesitzer, und ein Mitarbeiter seien gleich los, einer habe eine Leiter geholt, über die eine Bewohnerin und ihr zehnjähriges Mädchen sich retten konnten, der andere der beiden habe versucht, mit einem Gartenschlauch ein Übergreifen des Brandes zu verhindern – an dieser Stelle der Altstadt sind die Häuser dicht an dicht gebaut. Offene Flammen seien aus Fenstern im Erdgeschoss neben der Küche geschlagen, dort, wo der Aufenthaltsraum war. Auch mit einem Feuerlöscher versuchten weitere Helfer ihr Möglichstes.

Den Frauen steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben. Denn sie mussten auch sehen, wie die lebensgefährlich verletzten Männer nach draußen gebracht und Retter sie auf dem Marktplatz reanimierten – „20 Minuten lang bestimmt“. Und sie sahen, wie die beiden Getöteten ins Freie transportiert wurden. „Da vergeht einem alles, wenn die Bahre an einem vorbeigebracht wird“, so Martina Botscheller.

Auch Bürgermeister Rudolf Kürner haben die Ereignisse sichtlich mitgenommen. Er wohnt nicht weit vom Brandort entfernt, wurde durch die Sirenen geweckt – „und da habe ich schon eine böse Ahnung gehabt, als die Feuerwehr anrief“. Er kennt alle Bewohner, auch die Getötete, weil sie schon länger im Ort lebte, und den Mann. Er war ein städtischer Mitarbeiter, hatte Kinder, und war just in jener Nacht zu Besuch bei der 54-Jährigen, mit der er seit vielen Jahren befreundet gewesen sei. Kürner findet viel Lob für die Nachbarn und die Feuerwehr. „Der Einsatz hat so funktioniert, wie es sein muss. Und ich bin echt dankbar, dass die Nachbarn gleich geholfen haben.“

Trotz des Schocks mussten die Retter und der Schultes vor Ort ihren Dienst verrichten. Und der sah nicht nur die Lebensrettung vor. Für die Bewohner, die nach der Untersuchung aus der Klinik kamen, musste eine Bleibe gefunden werden – elf Plätze zählte die voll belegte Unterkunft, unter anderem mit einem Paar aus China, das aber nicht oft vor Ort sei, so auch in jener Nacht. Zwei Frauen und das Kind kamen am Morgen im Hotel Herrenküferei unter, und sind, weil dort nun alles belegt ist, vorübergehend in einer städtischen Wohnung untergebracht. Zuvor aber gab es für sie etwas zum Anziehen aus der Gerlinger Kleiderkammer, wohin das Rote Kreuz gleich gefahren war. Zudem gebe es noch Plätze in einem Wohncontainer. Ob darüber hinaus ein Spendenkonto eingerichtet wird, darüber ist so früh noch nicht nachgedacht. „Aber den Betroffenen wird so geholfen, wie es sich gehört“, sagt Kürner am Morgen, neben ihm Ordnungsamtsleiter Frank Blessing, der sich ebenfalls schon ein Bild von der Brandstelle verschafft hat. Gegen neun Uhr waren neben der Kripo auch drei Spurensicherer des LKA eingetroffen.

Das betroffene Gebäude war Anfang der Neunziger als Gästehaus für das Hotel erbaut worden, nun gehört zu diesem nur noch ein Raum für Gartenmöbel und Ähnliches. Seit etwa 20 Jahren nutzt die Stadt das Haus als Obdachlosenunterkunft. Und als solche sei sie regelmäßig kontrolliert worden, ebenso mit Rauchmeldern ausgestattet. Dass die – zumindest früher – funktioniert haben, ist aber sicher: Vor einem Jahr habe es einen Alarm gegeben. Grund war ein auf dem Herd zu lange stehen gelassener Topf, so Blessing. Damals sei es aber nur ein kleinerer Einsatz gewesen.

Heute gilt das Haus als unbewohnbar, wie es weiter geht, ist derzeit offen.

Julia Schweizer
08. August 2017
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