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Marbach

Beliebte Quälerei auf Kopfsteinpflaster

Zusammen mit den Kindern und Schülern, die kürzere Strecken liefen, machten sich am Samstag 463 Läufer auf die Socken. So viele, wie in den vorangegangenen 17 Jahren nicht. Unter ihnen waren 333 „Entdecker“, die nur eine der 3,5 Kilometer langen Runde drehten sowie die Gassenläufer, die über die dreifache Distanz gingen. Von diesen beiden Gruppen kamen 239 Teilnehmer ins Ziel. Denn wer nach 17 Uhr noch nicht mit seiner Schlussrunde begonnen hatte, flog aus der Wertung oder hatte zwischendurch aufgegeben.

Nach dem Start auf der Schillerhöhe kommt erst der leichte Anstieg zum Sportplatz. Von dort aus geht es ständig hinunter in die Altstadt mit ihrem quälend unebenen Kopfsteinpflaster. In den Holdergassen wird bereits gefestet, die Sportler werden gefeiert und angefeuert. Auf dem Rückweg geht es dann fast immer bergauf. Vor allem die mächtigen Steigungen unter anderem in der Krähbergstraße und beim Kollegienhaus beißen sich in die Waden.

Im Start- und Zielbereich jubeln Cheerleader mit weiß-lila Pompons. Streckensprecher Andreas Seiberling – im Hauptberuf Ordnungsamtsleiter der Stadt – moderiert und motiviert. Wer die Ziellinie zum letzten Mal überquert, pumpt schwer nach Luft, hat aber ein glückliches Gesicht.

„Es ist ein Megagefühl, wie man durch die Holdergassen und auf der ganzen Strecke angefeuert wird“, sagt Holger Knauf. Der 47-jährige Lehrer am Friedrich-Schiller-Gymnasium ging mit einer starken Gruppe an den Start. Er war zum dritten Mal auf der kürzeren Entdeckerrunde unterwegs. Wer die Strecke nicht kenne, sei leicht überfordert. Vor allem das letzte Drittel berge einige Überraschungen mit seinen mächtigen Anstiegen. Das Ziel vor Augen müsse man beißen, weil es dann noch eine Runde durch den Park der Schillerhöhe geht. „Das leichte Gefälle vorbei am TV-Heim fühlt sich an wie eine Belohnung.“ Seine Kollegin Marion Rath ist von der Atmosphäre, der Kulisse und den Zuschauern begeistert. Etwa 2000 waren es, schätzt Thomas Sartison, einer von Vieren, die mit dem Rad die Läufer begleiteten.

Familie Maier aus Beilstein bestritt alle Läufe. Papa Sascha die 10,5 Kilometer, Mama Ilka die 3,5 Kilometer, Sohn Lasse gewann den Schülerlauf und Nesthäkchen Marie wurde beim Brezellauf Zweite. „Es ist eine Hammerstrecke“, sagt Sascha Maier, der das Rennen erstmals anging. Wer in der zweiten Runde daran denke, was noch alles kommt, würde aufgeben. Das müsse man ausblenden. Wenn es die Zeit erlaubt, will die Familie beim nächsten Mal wieder dabei sein.

„Auf der Strecke viele bekannte Gesichter zu sehen, die einem aufmunternd zurufen, ist die ganze Schinderei wert“, meint Cornelia Bauer. Das gebe den notwendigen Schub, um durchzuhalten. Die Marbacherin drehte bereits zum vierten Mal alle drei Runden und überwand so den inneren Schweinehund. „Wer diesen mörderischen Lauf packt, packt alle anderen auch.“

„Wir sind froh, nicht tot zu sein“, scherzt Francois Delais. Er ist mit Antoine Devacht extra zum Gassenlauf aus der französischen Partnerstadt L’Isle-Adam angereist: „Wir müssen komplett verrückt sein.“ Jetzt erwarten die beiden aber auch einen Gegenbesuch zum französischen Pendant, dem zehn Kilometer langen Drei-Schlösser-Lauf, der komplett eben ist und fast nur durch Wald führt. Gegen den Gassenlauf sei das beinahe ein Spaziergang. Ute Rößner, Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, will das organisieren. Aber erst im nächsten Jahr.

Thomas Faulhaber
09. September 2018
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