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Baumpflege mit der Pinzette

„Ich habe immer schon einen grünen Daumen“, meint Enzer. Deshalb erreichten ihre Zimmerpflanzen früher auch immer gigantische Ausmaße und sprengten jeden Rahmen. „Ich brauchte starke Männer, um die Kübel zu bewegen.“ Da wurde sie in den frühen 80er Jahren auf Bonsai-Bäume aufmerksam und bestellte sich einen „Baum der 1000 Sterne“ für 30 Mark. „Ich habe ihn ermordet“, gibt die Pensionärin zu. Mit dem Gießen habe sie es zu gut gemeint und ihn dabei ertränkt. So wie das allen Anfängern passiere.

Auf einem Finger balancieren

Diese Tat weckte den Ehrgeiz der Frau, die früher Lehrer ausgebildet hat. Sie kaufte einen Blauregen und einen Gummibaum und brachte sie durch – bis heute. Es folgten Dutzende. Und sie gießt seither viel vorsichtiger und nur mit Regenwasser. Im Sommer bekommt jede Pflanze täglich ihren wohldosierten Schoppen. Dafür hat sie im Garten eine vier Kubikmeter große Zisterne.

„Bonsai hat nichts mit Größe zu tun“, erklärt Ute Enzer. Sobald ein Baum in die handgefertigte Schale kommt, wird er dazu. Es gibt winzige Bäumchen, die auf einem Finger balanciert werden können, bis hin zu solchen, die nur noch von zwei Männern getragen werden können. Das ist in Japan das Maß. Egal wie groß ein Bonsai ist, er soll erwachsen wirken und Ausstrahlung haben. Emotionen soll er wecken. Bevor die Oberstenfelderin die Schere ansetzt, „liest“ sie den Baum, die natürliche Anlage der Pflanze will sie hervorheben. Sie möchte mit der Natur gestalten, nicht erziehen.

Nach der Winterruhe werden die Bäume gestaltet. Der Draht, der die Stämme sichert, wird gelöst und der Bonsai aus seiner einzigartigen und oft teuren Schale geholt. Der empfindliche Wurzelballen wird untersucht und geschnitten, die Äste und Zweige nach japanischem Schönheitsideal in Form gebracht. Dann wird er mit frischer Spezialerde versorgt, gedüngt, erneut verdrahtet. Für die kleinen Exemplare braucht Ute Enzer eine Stunde, für die großen zwei Tage.

Das Spezialwerkzeug dazu kommt aus Japan und ist teilweise aus handgeschmiedetem Stahl. Ein ganzer Korb ist voller Scheren, Pinzetten, Stäbchen und Bürsten. Legt die Pflanzenliebhaberin Hand an, versinkt sie in eine andere Welt und vergisst alles um sich herum. „Es ist wie eine kontemplative Meditation.“ Es sei ein schöpferischer Akt, so wie ein Künstler ein Bild male.

Die knorrige Ulme importierte sie aus Japan. 21 Zentimeter ist sie hoch und wird auf 90 Jahre geschätzt. Etwa 30 Jahre alt ist der buschige Rosmarin, mit dessen Nadeln immer noch gekocht wird. „Um das echte Alter herauszufinden, müsste man sie umsägen und die Jahresringe zählen“, meint Enzer. Deshalb wird immer das Jahr als Ausgangspunkt genommen, in dem der Baum in die Schale gesetzt wurde. Im Land der aufgehenden Sonne gebe es Bäume, die Hunderte Jahre alt sind. Die werden zusammen mit dem Wissen um sie von Generation zu Generation vererbt und seien hochgeschätzt. Wird so ein Baum verkauft, muss der Besitzer entweder bettelarm sein oder er hatte keine Kinder. Freiwillig trennt sich davon niemand. Solche Exemplare gingen immer unter der Hand weg und würden Preise im hohen sechsstelligen Bereich erzielen. „In ihrem Heimatland sind Bonsais Prestigeobjekte wie bei uns Autos“, weiß Ute Enzer.

Bonsais sind Bestandteil japanischer Philosophie und Religion, dem Zen. „Es ist eine sehr naturbezogene Glaubensrichtung, in der alles Lebende dem Menschen gleichberechtigt ist“, erklärt Enzer. Deshalb tut es ihr in der Seele weh, wenn so ein Bäumchen wie eine Schnittblume behandelt wird und nach wenigen Tagen, wenn es eingegangen, ist, in der Komposttonne landet. „Das ist respektlos gegenüber der Schöpfung.“ Bevor sie einen Baum abgibt, erkundigt sie sich deshalb über den künftigen Standort und wer sich am Wochenende oder während des Urlaubs kümmert. Ihre Schätzchen kommen nur in gute Hände.

Wie ein Arzt auf Visite

Auch Ute Enzer hat Verluste zu beklagen. Es gebe Jahre, da bringe sie alle durch, in schlechten Zeiten sterben gleich fünf. Der Winter 2011 war so eine Zeit. Erst viel zu mild, und dann kam über Nacht die Eiseskälte. Einige überlebten das nicht, weil sie keine Frostresistenz aufbauen konnten. „Das ist dann, als ob man ein geliebtes Haustier verliert“, erklärt Enzer die starke emotionale Bindung zu ihren Weggefährten. Sie besucht sie deshalb täglich. Wie ein Arzt auf Visite schaut sie bei allen 250 Bonsais nach Pilzbefall, Krankheiten oder Staunässe. Etwa 100 unterschiedliche Arten betreut Ute Enzer.

Die heimischen Arten stehen das ganze Jahr über draußen. Nur die Exoten kommen in den Wintergarten. Die mediterranen Arten wie Olive, Steineiche oder Granatapfel überwintern bei null bis zehn Grad, die tropischen wie alle Gummibäume oder die Fici bei 20 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Im Frühling nach den Eisheilligen kommen aber auch sie wieder in den Garten. Nur wenn Gäste kommen, wird ein Baum nach japanischer Sitte zu Ehren des Besuchs ausgewählt und in Szene gesetzt.

Am liebsten päppelt die Oberstenfelderin halblebige Bäume wieder auf. Einen alten Rebstock macht sie zum Kunstwerk. Den hat sie von einem Wengerter geschenkt bekommen. Ausgraben war unmöglich. Deshalb hat sie die Scheurebe am Stamm abgemoost. Der wurde an der vorgesehenen Schnittstelle so lange feucht gehalten, bis sich dort Wurzeln gebildet hatten und unterhalb gesägt werden konnte. Drei Jahre hat das gedauert.

„Die Beschäftigung mit den Bonsais hält mich gesund“, sagt Enzer. Sie zu „betütteln“ baue Stress ab. In den Urlaub geht sie nur im Winter, dann kümmern sich die Schwester und ihre Kinder um die Pflanzen. Nur das Traumziel Japan ist für sie unerreichbar. „Ich leide unter schrecklicher Platzangst in einem Flugzeug.“

von thomas faulhaber
14. April 2017
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