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Ludwigsburg

Aufnahmestopp in vielen Arztpraxen

Viele Arztpraxen im Landkreis nehmen keine neuen Patienten mehr an, weil sie an ihrer Belastungsgrenze angekommen sind. Die Behandlungszeit wird immer intensiver, viele Praxen finden keinen Nachfolger. So wird der Druck auf einzelne Praxen immer stärker. Foto: VRD/stock.adobe.com

„Es gibt Praxen, die sind einfach voll“, sagt der Vorsitzende der Kreisärzteschaft, Dr. Michael Friederich. Er ist selbst niedergelassener Hausarzt in Markgröningen, und auch er nimmt nicht mehr jeden als neuen Patienten auf. „Wer beispielsweise aus Bietigheim kommt, den bitte ich, sich dort vor Ort eine Praxis zu suchen.“

Die Ärzte seien am Anschlag, sagt er. Ein Zwölf-Stunden-Tag keine Seltenheit. Hinzu kommen Hausbesuche. „Gestern bin ich in meiner Mittagspause nach Tamm und Hardthof gefahren. Das waren schnell zwei Stunden für zwei Patienten.“

Dabei gibt es, wenn man allein den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Glauben schenken mag, ausreichend Hausärzte. Im Bereich Ludwigsburg und Kornwestheim zum Beispiel liegt die Versorgung bei über 100 Prozent. Doch die Zahlen, kritisieren Ärzte wie Michael Friederich, sind veraltet. Die Berechnung, die festlegt, auf wie viel Einwohner eine Arztpraxis kommt, fußt auf einer Datenerhebung aus dem Jahr 1993 und sei mit der heutigen Situation nicht mehr vergleichbar. Dabei gehe es nicht allein um einen Bevölkerungszuwachs, sondern auch um steigende Morbidität. „Die Patienten werden immer älter, die Betreuung immer intensiver“, so Friederich. Die Zeit also, die der Arzt für seine Patienten aufbringt, ist im Laufe der Jahre immer weiter gestiegen.

Das bestätigt auch Dr. Brigitte Szaszi, niedergelassene Hausärztin in Sachsenheim-Hohenhaslach. Auch sie macht oft die Erfahrung, dass Patienten verzweifelt auf der Suche nach einem Hausarzt sind und mehrfach abgewiesen werden. „Der Arzt darf das machen“, sagt Friederich. Anders als beim Notfall, der behandelt werden muss.

Die Situation bereitet den Ärzten Unbehagen. Keiner lehne leichtfertig Patienten ab, meint der Vorsitzende der Kreisärzteschaft. Aber jeder Arzt habe eben auch seine Grenze, und die sei vielerorts erreicht. „Die Krankenhäuser reduzieren die Betten, die Fachärzte sollen entlastet werden. Das müssen alles wir Hausärzte auffangen.“

Und von denen gibt es nicht so viele, wie nötig wären. Schon seit Jahren ist vom Ärztemangel, insbesondere in ländlicheren Regionen, die Rede. Aber auch in einer Stadt wie Ludwigsburg sie die Situation problematisch, so Friederich. „Die Hausärzte versorgen die zahlreichen Alten- und Pflegeeinrichtungen, das erfordert immer mehr Zeit, die dann in der Praxis fehlt.“

Und so kommt es, dass sich die Suche nach einem Hausarzt oftmals schwierig gestaltet. Trotzdem antwortet die AOK auf unsere Anfrage: „Uns liegen aktuell keine Beschwerden von Versicherten vor.“ So sagt es auch die MHplus, räumt aber ein, dass man es aus eigener Erfahrung kenne, dass man mitunter von Ärzten mit dem Hinweis abgewiesen wird: „Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf“.

Es fehlt also an Medizinern im Landkreis Ludwigsburg. „Wir bräuchten viel mehr Ärzte“, fordert Michael Friederich. Doch es ist kein Geheimnis, dass viele Arztpraxen keinen Nachfolger finden. Je weiter man sich von der Metropole entferne, desto schwieriger sei die Situation. „70 Prozent der Medizin-Studenten sind Frauen, aber von denen möchten nur sehr wenige eine eigene Praxis führen“, so der Mediziner. Wer Familie und Beruf unter einen Hut bringen müsse, der wolle als Angestellter arbeiten, wenn möglich in Teilzeit.

Brigitte Szaszi hat sich selbstständig gemacht. Trotz Familie. Und die Nachfolge für die Praxis von Michael Friederich ist auch geregelt. Sein Sohn wird übernehmen. Unsere Leserin hingegen ist immer noch auf der Suche nach einer Hausarztpraxis.

Julia Essich-Föll
15. April 2018
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