Mittwoch, 23.08.2017, 12:07 Uhr
keine Daten 29 °C
Ludwigsburg

„Die Gesellschaft muss umdenken“

Weil die EZB den Finanzmarkt mit 1,74 Billionen Euro geflutet hat, gibt es kaum noch Zinsen auf das Geld. Foto: Holm Wolschendorf

„Wer glaubt, dass sich in den vergangenen Monaten etwas gravierend verschlechtert hat?“, fragt Marc Friedrich, einer der Autoren des Buchs „Sonst knallt’s – Warum wir Wirtschaft und Politik neu denken müssen“. Im voll besetzten Bürgersaal in Tamm gehen die Hände hoch.

Viele waren am Mittwoch zur Veranstaltung LKZ-Impulse gekommen, bei der die drei Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik mit dem dm-Gründer Götz Werner ihre Überlegungen zu einem neuen Wirtschaftssystem vorstellten – und aufzeigten, warum unser jetziges System nicht mehr lange funktioniert.

Probleme bereitet etwa die Finanzpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die die Finanzmärkte mit 1,74 Billionen Euro durch Anleihenkäufe geflutet hat. „Davon könnten Sie alle Dax-Firmen kaufen und hätten noch 250 Milliarden Euro übrig“, sagt Marc Friedrich. Mit ihrer Finanzpolitik habe die EZB die Finanzkrise aus dem Jahr 2008 lediglich in die Zukunft verschoben. Die niedrigen Zinsen, sind sich die Redner sicher, werden „nicht mehr markant steigen“. Und die Sparer werden dadurch langsam enteignet.

„Der Euro zerstört Europa, die Gesellschaft und die Demokratie“, mahnt Friedrich. Denn für Deutschland sei er zu stark, für die südlichen Länder zu schwach. Für die Autoren ist das Ende der gemeinsamen Währung deshalb gewiss – und auch, dass Griechenland nach der Bundestagswahl die Schulden erlassen werden. Im Publikum regt sich Unmut. „Dann wird es einen sozialen Unfrieden geben“, sagt eine Zuhörerin. Bis es in Deutschland eine Revolution gebe, werde es dauern, ist sich Friedrich sicher. „Wir haben ‚Deutschland sucht den Superstar‘ und andere Sendungen als Ventil“, sagt er nicht ganz ernst.

Neben den derzeitigen Finanzproblemen werde die Digitalisierung eine Änderung des Wirtschaftssystems unumgänglich machen. „Die Industrie 4.0 wird quer durch alle Bereiche unsagbar viele Arbeitsplätze kosten“, sagt Weik. Bis zu 75 Prozent aller Stellen fallen laut internationalen Studien dann weg. So würden bereits jetzt Lebensmittel über Amazon verkauft – und nicht mehr in Läden. Verkäufer werden dann nicht mehr gebraucht. Auch wenn dem viele skeptisch gegenüber stünden: „Irgendwann sagt man sich, vielleicht probiere ich es doch einmal aus.“

Weik ist sich sicher: „Ohne ein Grundeinkommen würde das System dann nicht mehr funktionieren.“ Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) sollte für alle gelten – egal ob Kind, Rentner oder Erwerbstätiger. Weik, Friedrich und Werner schlagen 1000 Euro pro Monat und Person vor. Daneben könne und werde jeder weiterhin arbeiten, um sich etwas leisten zu können. Ob nicht viele zu Hause bleiben würden? „Es gab bereits Feldversuche, die alle erfolgreich verlaufen sind“, sagt Marc Friedrich. Zurzeit laufe ein Test in Finnland. „Statistisch gesehen hat nur ein Prozent aufgehört zu arbeiten.“

dm-Gründer Götz Werner, der sich seit 2005 für ein BGE einsetzt, sagte: Ihm sei klar geworden, dass nur jemand anfangen könne zu arbeiten, wenn er bereits ein Einkommen hat – schließlich müsse vor Arbeitsantritt und im ersten Monat viel gekauft und bezahlt werden. „Das Einkommen ist nicht der Lohn, sondern die Ermöglichung von Arbeit“, sagt Werner.

Um das BGE zu finanzieren, fordern die Autoren im Gegenzug, das Steuersystem radikal zu ändern. Dazu müssten neben allen Steuern auch alle Steuerfreibeträge und Sozialtransfers wegfallen. Da alle Steuern innerhalb der Wertschöpfungskette ohnehin in den Preisen stecken und an die Kunden weitergegeben werden, zahlt dieser somit alle Steuern, auch die der Firmen. Deshalb brauche es nur eine Steuer – die Konsumsteuer. An den Preisen würde sich laut der Experten nichts ändern. Möglich wäre auch, bestimmte Waren wie Luxusgüter höher zu versteuern.

Doch so gut diese Ideen auch sein mögen – wie können sie umgesetzt werden? „Man braucht eine massive Lobby“, meint ein Zuhörer. „Die stärkste Lobby sind wir“, sagt Weik. Sobald man bereit sei, etwas zu tun – Briefe und E-Mails an Politiker schreiben oder auf Demos gehen – wird sich etwas ändern. Wichtig sei daher, dass „ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet“, sagt Werner. Denn: „Die Politiker schauen immer, woher der Wind weht.“

Lisa Nack
18. Mai 2017
Impressum | Datenschutz