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Ludwigsburg

Mayr jubiliert nach Hitzeschlacht

„Die Fahrer kommen sich vor wie in einer Mikrowelle“, beschrieb der Streckensprecher bei Start und Ziel in der Teinacher Straße die Gefühlslage der fast 50 Radrennfahrer, die die Rundenjagd mit Wertungs- und Prämiensprints in Angriff nahmen.

Gleich zum Auftakt erwies sich Andreas Mayr (RSC Kempten) dreimal hintereinander als kraftvollster Akteur und setzte damit eine deutliche Duftmarke. Marcel Fischer, in sieben der neun Wertungen in den Punkterängen, versuchte alles, um in der Schlussphase den Kemptener noch aus dem Sattel zu heben, doch Mayr konnte sich auf die Unterstützung durch sein schlagkräftiges Team verlassen.

„Es war richtig hart bei der Hitze, ich bin wirklich am Arsch“, stellte Andreas Mayr nach 81 Kilometern völlig entkräftet auf dem Podium sitzend fest. „Gegen Andy Mayr im Sprint ist es schwer“, zollte Fischer seinem Bezwinger Respekt.

Über dem 50. Kriterium des RSC Komet Ludwigsburg lag ein Hauch von Abschiedsstimmung. Am 7. Juli 1968 hatte Gerhard Merz (87), die Eglosheimer Radsport-Legende, mit seiner vor drei Jahren verstorbenen Frau Lilo und deren Schwester Marilene Hofbauer (84) das Spektakel ins Leben gerufen.

„Strom aus dem Keller, Siegersträuße im Haus, Ergebnislisten mit der Schreibmaschine“, drehte Merz‘ Tochter Claudia Falke das Rad zurück. Sie war damals sechs Jahre alt: „Für mich als Kind war es der Hammer, dass das Ziel direkt an der Haustür lag.“ Gestern achtete Claudia Falke streng darauf, dass der Senior immer wieder den Schatten aufsuchte und seinen Flüssigkeitshaushalt regulierte. Sie kann sich gut daran erinnern, dass die Terrasse des väterlichen Anwesens zur Auszahlung der Geldprämien und gleichzeitig auch als Pressezentrum diente. Genau an diesem schattigen Plätzchen gab Gerhard Merz gestern Interviews und zeigte den Besuchern historische Fotos. Sogar aus der Landeshauptstadt kamen gestern Fotografen und Journalisten in die Teinacher Straße.

Der Veteran erzählte, dass Hans Grübner aus Bietigheim-Bissingen damals den Anstoß für das Kriterium gegeben habe, „nachdem im Jahnstadion nichts mehr los war“ (Merz). Derweil sammelte seine Schwägerin „Manda“ Hofbauer bei der heimischen Wirtschaft Geldprämien für die nächsten Sprints ein, so wie sie das 50 Jahre lang zelebriert hatte.

Prominente Namen sind auf der Siegertafel verzeichnet. Dietrich Thurau (Frankfurt), der spätere Tour-de-France-Fünfte und Profi-Vizeweltmeister, triumphierte 1974 in Ludwigsburg, damals allerdings nicht in Eglosheim, sondern bei „Rund um das Breuningerland“. Alle anderen 49 Events rollten in Eglosheim ab.

2005 stand Sechstagespezialist Andreas Kappes (Köln) ganz oben auf dem Treppchen. Der Rekordsieger heißt Marco Kaufmann. Der Pedaleur des 1. RV Stuttgardia Stuttgart und des RSC Bad Dürkheim gewann von 1993 bis 1995 sowie in den Jahren 2000 und 2006. Auch zwei Vertretern des RSC Komet gelang der große Wurf: Reiner Lemke (1989) und Tobias Nestle (1997).

Gestern nützte Mountainbike-Ass Jochen Käß sein Heimrennen zur Vorbereitung auf die Marathon-WM in einer Woche in Singen. Das Kampfgewicht des 36-Jährigen ist seit Jahren gleich geblieben: 65 Kilo bei 1,78 m Größe. Es könnte sein letzter Auftritt in Eglosheim gewesen sein. Am Rande des Kurses machte ein Radrennen in der Ludwigsburger Innenstadt die Runde.

Erich Wagner
15. Juni 2017
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