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Ludwigsburg

Von der Legehenne zum Stadthuhn

Haben sich von der Massentierhaltung erholt und zu prächtigen Stadthühnern entwickelt: Die Hennen Motzi (links) und Chefin genießen es, von ihren Rettern und Besitzern Karin Eheim und Jörg Berle gehalten und gestreichelt zu werden. Insgesamt vier Hennen tummeln sich im Hinterhof-Garten in der Seestraße.Foto: Holm Wolschendorf

Immer, wenn das Feuer im Kamin knisterte, machte es sich Huhn-Dame Lotte auf dem Sessel daneben gemütlich. „Sie war sogar stubenrein“, erzählt Karin Eheim und lacht. Gerne erinnert sich die Ludwigsburgerin an Lotte, die ein paar schöne Jahre bei ihr und ihrem Partner Jörg Berle verbringen konnte.

So viel Glück wie Lotte haben mehrere Tausend Legehennen im Jahr. Denn so viele sind es, die Eheim und Berle zusammen mit weiteren Engagierten des Vereins „Rettet das Huhn“ aus der Massentierhaltung holen. Die Retter vermitteln die Tiere an Privatpersonen, Eheim und Berle sind dabei für ganz Baden-Württemberg zuständig. Ein paar Hühner behalten die Ludwigsburger auch bei sich. „Ich bin ein Landei und wollte schon immer Hühner haben“, sagt Karin Eheim, die im Hohenlohischen aufgewachsen ist. „Dort gab es überall Hühner“, so die 48-Jährige. Als das Paar vor fünf Jahren in die Stadt zog, suchten sie gezielt eine Wohnung mit Garten. In einem Altbau in der Seestraße wurden sie fündig.

Das Zusammenleben mit Hühnern in der Stadt klappt hervorragend, sagt Jörg Berle. „Das geht neben einem Vollzeitberuf.“ Er ist Industrieelektroniker, sie Personalreferentin. Hier im Hinterhofgarten können sich die Hennen austoben. Vier bis sechs hat das Paar durchschnittlich. Zwar gackern die Tiere schon mal morgens herum, sagt der 54-Jährige. Die Nachbarn hätten damit aber kein Problem. Die gefiederten Mitbewohner hätten sich alle von verbrauchten Legehennen zu prächtigen Stadthühnern entwickelt, freut sich das Paar. „Wenn wir sie aus den Ställen holen, haben sie oft keine Federn mehr und sind blutig gepickt.“

Die Lebenserwartung der Legehennen ist nicht hoch. Nach ungefähr 18 Monaten im Massenbetrieb werden sie entsorgt. Dann endet eine Legeperiode. Die Tiere landen zu einem Preis von ein paar Cent beim Schlachter und werden zu Hundefutter und Brühwürfel verarbeitet. Jährlich werden nach Angaben von Rettet das Huhn e.V. allein in Deutschland 45 Millionen Legehennen getötet. Um das zu verhindern, übernimmt der Verein aus kooperierenden Betrieben einmal jährlich den gesamten Bestand. So entstehen für den Betreiber keine Kosten für die Ausstallung.

Zum ersten Mal dabei bei einer solchen Rettungsaktion war Karin Eheim vor zwei Jahren. Mit Schutzanzug, Atemmaske und Rotlicht auf der Stirn ging es für zwei Stunden in den überfüllten, dunklen Stall, um die Hennen für den Transport in Kisten zu packen. Der Gestank war gewaltig, überall Tiere in erbärmlichem Zustand. „Ich konnte danach zwei Tage nichts essen“, sagt sie.

10 000 Hühner rettet der Verein bei sechs Aktionen im Jahr. Die Größte bisher, bei der Eheim und Berle beteiligt waren, betrafen 4500 Tiere in einem Stall in Bayern. „Die Logistik ist jedes Mal enorm“, sagen sie. Um die 30 Helfer sind mit Fahrzeugen vor Ort. „Man ist jedes Mal sehr niedergeschlagen, die Tiere so zu sehen. Das Feeling danach ist aber toll“, berichtet Berle. Bereits im Vorfeld muss genau feststehen, wo welches Huhn unterkommt. Keines darf zurückgelassen werden.

Viele Leute denken, die Hennen überlebten die Umsiedlung nicht, sagt Eheim. „Die Umstellung von Leistungsfutter auf Körnerfutter muss langsam erfolgen.“ Einige Hühner könnten dann durchaus fünf Jahre leben.

Dass sich mehr Menschen gegen die Massentierhaltung stark machen, das hoffen Eheim und Berle. Sie genießen jedenfalls das Leben in der Stadt mit Hühnern. Die gefiederten Damen lassen sich auf den Arm nehmen und streicheln. Und zum Dank gibt es jeden Tag frische Eier.

Internet: www.rettet-das-huhn.de

Martina Peao
15. Mai 2017
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