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Ludwigsburg

Fall Nadine E: Verfahren seit gestern eingestellt

Es war nur ein formaler Akt und trotzdem setzt dieser Beschluss den Endpunkt hinter eine Geschichte, die nicht nur die beteiligten Familien und Freunde ratlos zurücklässt. Gestern hat das Landgericht das Verfahren gegen Ramazan E. eingestellt. Hauptgrund dafür ist die Tatsache, dass sich der angeklagte 43-jährige Ludwigsburger in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Stammheim erhängt hat.

Laut einer Gerichtssprecherin war die Einstellung die einzig denkbare Entscheidung. Diese wird den Anwälten von Ramazan E., der Nebenklage und der Staatsanwaltschaft Stuttgart jetzt per Post zugestellt.

„Rechtlich gibt es keine weiteren Möglichkeiten, damit ist der Fall für uns juristisch erledigt“, sagt der Ludwigsburger Rechtsanwalt Alexander Knecht, der in dem Prozess den Vater von Nadine E. als Nebenkläger vertreten hat. Der mutmaßliche Täter sei tot, die Ermittlungen eingestellt, dadurch gebe es keine Ansätze mehr.

„Emotional ist der Fall aber wohl noch lange nicht beendet“, ist Knecht überzeugt. Der Selbstmord von Ramazan E. habe alle Familien – auch die von Nadine – schwer getroffen. Die beiden kleinen Kinder des Paares hätten nun beide Eltern verloren.

Alexander Knecht wird in einigen Tagen noch ein Abschlussgespräch mit seinem Mandanten führen. Danach wird er den Fall zu den Akten legen. Dass die Anwälte von Ramazan E. eine andere Auffassung haben, kann er akzeptieren. Für ihn selbst habe sich im Laufe des Verfahrens aber ein relativ eindeutiges Bild ergeben.

„Ich bin in dieses Verfahren sehr skeptisch reingegangen“, sagt Knecht. Die umfangreichen Akten und die zahlreichen Indizien hätten bei ihm aber dazu geführt, dass er zuletzt damit gerechnet habe, dass Ramazan E. mit hoher Wahrscheinlichkeit verurteilt worden wäre.

Die vielen Indizien überzeugen den Anwalt

Wie berichtet hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart dem Angeklagten vorgeworfen, am 12. Oktober 2015 seine Frau im gemeinsamen Haus in Eglosheim erstickt zu haben. Ramazan E. hat diesen Vorwurf immer abgestritten. Auch in den Abschiedsbriefen, die er nach seinem Selbstmord hinterlassen hat, bezeichnet er sich als unschuldig.

Für den Anwalt Alexander Knecht spricht vor allem die Fülle der Indizien gegen den Angeklagten. Die Fasern, die an der Leiche, im Haus und in Nadines Auto gefunden wurden, die auffälligen Pausen in der Handykommunikation des Angeklagten im vermeintlichen Tatzeitraum, die Geschichte, dass Nadine E. an diesem Abend noch ein Brot kaufen wollte, was vor Gericht stark angezweifelt wurde und wofür es nie einen Beweis gegeben hat – all das habe dafür gesprochen, dass Ramazan E. der Täter war.

Den Ludwigsburger Anwalt hat zudem stutzig gemacht, dass der Angeklagte in der Nacht, in der Nadine E. nicht vom angeblichen Einkauf zurückkehrte, seelenruhig geschlafen haben will, obwohl seine Frau sich nachts und morgens immer um die kleinen Kinder gekümmert hat.

Familie könnte Strafantrag stellen

Auch der Ludwigsburger Rechtsanwalt Wolfgang Pantzer – einer der beiden Verteidiger des Angeklagten – ist wenig überrascht, dass der Prozess nun eingestellt worden ist. Wie geht es für ihn jetzt weiter? „Das kommt auf die Familie von Ramazan E. an“, sagt Pantzer. In einer ersten Stellungnahme nach dem Selbstmord von Ramazan E. hatten Pantzer und seine Kollegin gefordert, dass die Ermittlungen gegen Unbekannt wieder aufgenommen werden, um den Angeklagten vom Schuldvorwurf zu befreien. In Absprache mit der Familie könnten die beiden Anwälte jetzt Strafantrag gegen Unbekannt stellen. „Das wird die Staatsanwaltschaft in Stuttgart natürlich ablehnen“, ist Wolfgang Pantzer überzeugt. Gegen diese Entscheidung könnte die Familie allerdings vorgehen. Das endgültige Ende bleibt also abzuwarten.

Christian Walf
16. Februar 2017
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