Donnerstag, 27.04.2017, 16:45 Uhr
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Ludwigsburg

Ein Knall, ein Rums und sehr viel Rauch

„Wie auf dem Volksfest“, sagt eine junge Frau belustigt zur Freundin, als sich die beiden im Menschenstrom Richtung Event bewegen. Musik von einer Bühne empfängt die Gäste. Autofahrer suchen verzweifelt letzte Parklücken in den umliegenden Straßen. Um die 2000 Schaulustige wollen sich das Spektakel auf dem ehemaligen Baywa-Areal nicht entgehen lassen. Gleich wird der alte Siloturm gesprengt. Viele Zuschauer halten Smartphones und Kameras bereit, in der Hoffnung, den besten Platz ergattert zu haben, während andere entspannt mit Bier und Bratwurst in den Händen herumstehen und warten. Drohnen kreisen in der Luft.

 

 

Der Investor Strenger, für den die Sprengung Startschuss für den Neubau auf dem rund 1,7 Hektar großen Gebiet ist, hat aus dem lauten Knall ein großes Event gemacht. Während die Zuschauer voller Vorfreude sind, ist Sprengingenieur Martin Hopfe angespannt. Obwohl er seinen Job seit 34 Jahren ausübe und viele Sprengungen erfolgreich hinter sich gebracht habe, sei es jedes Mal eine Herausforderung, sagt der Chef der Sprenggesellschaft aus dem thüringischen Kaulsdorf. Der Abriss ist bis ins letzte Detail geplant, das Gelände großflächig abgesichert. Dennoch: In den letzten Minuten und Sekunden schießen ihm viele Fragen durch den Kopf. „Man überlegt, ob man alles richtig gemacht hat und geht innerlich alle Schritte noch einmal durch“, sagt der 63-Jährige. „Es darf schließlich nichts passieren.“ Nicht vorzustellen wäre, wenn ein Stahlbetonbrocken durch die Luft fliegen würde. Deshalb seien alle Teile, die gesprengt werden, sechsfach abgedeckt worden, erklärt der Experte. Zehn Kilo Sprengstoff befinden sich in 200 Bohrlöchern.

Dann gibt Martin Hopfe den Zündbefehl. Die Veranstalter haben es sich nicht nehmen lassen, mit Pyrotechnik noch mehr Dramatik zu erzeugen. Magentafarbene Rauchwolken steigen auf und Flammen aus mit Benzin gefüllten Beuteln. Erst dann wird der Sprengstoff am Turm gezündet. Der Knall ist gewaltig. Der Kolos aus Stahlbeton knickt um und knallt auf den Boden. Es dauert, bis sich Schutt und Staub gelegt haben und den Blick freigeben. Wie geplant ist der Turm im Fallbett gelandet, jedoch nicht völlig in sich zusammengefallen – viele Zuschauer sind überrascht.

„Wir sind ein wenig enttäuscht, weil das Silo so groß geblieben ist“, sagen etwa Jürgen (76) und Ingrid (71) Müller, die um die Ecke wohnen. Toll sei es dennoch gewesen. „Ich habe es auch gefilmt“, sagt Ingrid Müller. Dort, wo sie standen, sei weniger Rauch aufgezogen. Je nach Standpunkt bekommen einige Zuschauer allerdings nicht viel vom Fall zu sehen. „Ich habe leider wenig mitbekommen“, sagt Angelika Pils. Die Rauchwolken der Pyrotechnik und Staub hätten ihre Sicht eingeschränkt. Tochter Magdalena stand weiter unten und hatte mehr Glück. „Dort war die Sicht besser“, sagt sie. „Ich hatte aber gehofft, dass der Turm komplett in sich zusammen fällt. Trotzdem war es super.“ Die Erwartungen erfüllt wurden vor allem bei den jungen Beobachtern. „Für Kinder war es toll“, sagt Michael Roser (50) aus der Weststadt, der die zehnjährige Vivien dabei hat. „Ich fand’s cool“, sagt das Mädchen.

Sprengingenieur Martin Hopfe ist mit dem Ergebnis zufrieden. „Es ist so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben“, sagt er. Dass das Gebäude nicht komplett zusammengefallen sei, habe einen Grund: Die Konstruktion bestehe aus vielen kleinen Stahlbeton-Zellen, die das Ganze wie Bienenwaben zusammenhalten, erklärt der Experte.

Aufatmen können auch die Anwohner. „Wir sind erleichtert“, sagt Jörg Lohse nach der Sprengung, der mit seiner Familie schräg gegenüber vom Siloturm wohnt. Er und weitere Anwohner hatten befürchtet, dass die Druckwellen Schäden an den Häusern anrichten könnten (wir berichteten). Auf den ersten Blick sei nichts zu erkennen, sagt Lohse. „Die Druckwellen sind geringer als gedacht ausgefallen“, sagt Nachbar Werner Neifer. In vielen Häuser hätten Messgeräte gestanden. Gerade einmal ein Zehntel des Grenzwertes sei erreicht worden. „Wir haben nie an der Kompetenz des Sprengmeisters gezweifelt“, betont Jörg Lohse. „Was uns aufgeregt hat, war, dass wir nur bröckelweise über die Sprengung informiert wurden.“ Erst nach einem Sammelbrief der Anwohner und der Aufforderung, weitere Gutachten vorzulegen, sei der Fallwinkel des Turms neu berechnet worden – anstatt parallel ist der Turm im rechten Winkel zur Schönbeinstraße gesprengt worden. „Man hätte einfach gleich umfangreicher mit uns sprechen sollen“, lautet Werner Neifers Fazit. Dem Turm jedenfalls trauere niemand hinterher.

Info: Ab heute Mittag ist eine Videoaufnahme der Sprengung auf www.lkz.de zu sehen.

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von Martina Peao
12. Februar 2017
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