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Ludwigsburg

Der Menschenfischer von Freudental ist tot

Ludwig Bez vor seinem Abschied aus dem PKC. Archivfoto: privat

Er hat das Pädagogisch-Kulturelle Centrum in der ehemaligen Freudentaler Synagoge „erfunden“ und 28 Jahre lang geleitet. Mehr als das: Bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren war er das PKC. Am Samstag ist Ludwig Bez im Alter von 67 Jahren völlig unerwartet gestorben.

Als Bez 1981 nach Freudental kam, war die alte Synagoge vor dem noch kurz zuvor drohenden Abriss gerettet. Doch was der Verein, der sich für seine Erhaltung eingesetzt hatte, mit dem klassizistischen Baudenkmal anfangen würde, das war noch offen. Bez gab den entscheidenden Impuls: Dort, wo bis zum Novemberpogrom 1938 die Freudentaler Juden die Tora studiert und gebetet hatten, sollte statt eines Museums ein Zentrum der lebendigen Erinnerung und der Demokratieerziehung entstehen. Und Ludwig Bez hatte nicht nur die Idee fürs PKC: Er hat sie, nimmermüde unterstützt von seiner Frau Marlis, auch realisiert und gelebt.

Aufgewachsen im Schwarzwald und in Kirchheim/Teck, war Bez von Haus aus Schreiner. Der Praxisbezug hat auch sein Denken geprägt – wann immer er ein Projekt in Angriff nahm, stand am Anfang eine Planskizze. Der Lehre folgten das Abi auf dem zweiten Bildungsweg und ein Lehramtsstudium. Die entscheidende Erfahrung seines Lebens aber war ein einjähriger Aufenthalt im Kibbuz Shamir im Norden Galiläas: Das Jahr in Israel und die Auseinandersetzung mit, ja der Widerstand gegen den eigenen Vater, der ein glühender Nationalsozialist gewesen war, haben seinen Lebensweg bestimmt.

Bez half dabei eine seltene Gabe: Er war nicht nur ideenreich und kreativ, er hatte Charisma, konnte Leute begeistern und mit seiner Begeisterung anstecken. Unzählige Menschen, die ohne ihn nie von Freudental gehört hätten, hat er in das Stromberg-Dorf gebracht. Darunter waren Musiker wie Giora Feidman, Schriftsteller wie Amos Oz, Diplomaten wie Avi Primor – aber keineswegs nur jüdische Israelis, sondern auch herausragende arabische Intellektuelle wie Emil Habibi oder Sumaya Farhat-Naser. Denn seine Botschaft war der Frieden – gerade auch für und in Israel. Deshalb hat er immer wieder versucht, Menschen beider Seiten, der jüdischen wie der palästinensischen, nach Freudental zu holen und sie dort miteinander ins Gespräch zu bringen.

Nicht zuletzt brachte er auch die letzten Freudentaler Juden in den Stromberg zurück, beispielsweise die beiden jüdischen Lehrer Seev Berlinger und Simon Meisner. Und den Überlebenden folgten gerade in den letzten Jahren etliche Nachfahren aus aller Welt, die sich dank Bez und der Arbeit des PKC mit der Heimat ihrer Vorfahren versöhnen konnten. Nur dank seiner Freundschaften wurde auch die Kreis-Partnerschaft mit dem Oberen Galiläa möglich.

Bez hat aber nicht nur die Welt nach Freudental geholt, er hat den Gästen des PKC auch neue Welten erschlossen – „jüdische Lebenswelten“, zu denen seine Studienreisen durch Europa, den Nahen Osten, Nordafrika, China und beide Amerikas führten.

Dass es nach seinem Abschied vom PKC zum Zerwürfnis mit seinen Nachfolgerinnen dort kam, hat Ludwig Bez tief getroffen. Seither veranstaltete er seine Studienreisen privat. Er sei eigentlich immer auf Wanderschaft, hat er einmal gesagt. Nun ist seine Wanderschaft zu Ende. Die Nachricht seines Todes hat sich in Windeseile um die halbe Welt verbreitet.

Steffen Pross
28. November 2016
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