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Ludwigsburg

Defizite im Alltag und Arbeitsleben

Zu den Tätigkeiten eines Gärtners zählt nicht nur Gehölze schneiden. Komplexe Technik hat Einzug gehalten, die Anforderungen steigen.

Ludwigsburg. Gehölze schneiden oder Blumenbeete anlegen – auf den ersten Blick muss man für diese Tätigkeiten weder lesen noch rechnen können. Deshalb geriet ein Mitarbeiter einer Gärtnerei in Mannheim auch viele Jahre kaum in Verlegenheit. Seine Stundenzettel füllte ein Lehrling aus, um die Auftragszettel der Kunden kümmerte sich ein Kollege.

 

Mit seiner unentdeckten Schwäche ist der Beschäftigte aus dem Gärtnereibetrieb nicht alleine. Laut einer Studie der Uni Hamburg, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitfinanziert wurde, sind 7,5 Millionen Erwachsene von Analphabetismus und mangelhafter Grundbildung betroffen. Etwa die Hälfte davon ist berufstätig. Christian Dittler, vom Bildungswerk der baden-württembergischen Wirtschaft, schätzt, dass im Kreis Ludwigsburg etwa 15 000 Betroffene leben.

 

Dass der Gärtner nicht flüssig lesen und schreiben konnte, kam erst zum Vorschein, als Vertrauenspersonen wegbrachen und neue Anforderungen dazukamen. „Gärtner lernen nicht mehr nur den Umgang mit Pflanzen, sondern auch die Bedienung von Computern und speziellen Maschinen“, formuliert es der Zentralverband für Gartenbau.

 

Der Chef der Mannheimer Gärtnerei wollte seinem Mitarbeiter helfen, dabei stieß er auf das Projekt Alphagrund. Ins Leben gerufen vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und acht Bildungswerken der Wirtschaft, bietet es Grundbildung für Berufstätige. Seit kurzem gibt es das Angebot auch in der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg. Man spreche von Grundbildung, weil die Qualifizierungsmaßnahmen von Alphagrund nicht nur Lesen und Schreiben umfassen, sondern auch Rechnen und einfache EDV-Kenntnisse, so Dittler. Schlecht lesen und schreiben zu können, sei auch kein Thema, das überwiegend Migranten betreffe.

 

Betroffene hätten diese Fähigkeiten entweder nie richtig erlernt oder im Laufe der Zeit verlernt. „Wenn man eine Fähigkeit lange nicht nutzt, geht sie verloren“, so der Sozialpädagoge Dittler. Doch wer ist zuständig, wenn diese Beschäftigten irgendwann den Anforderungen im Unternehmen nicht mehr gewachsen sind? Grundbildung ist ein Kultusthema, doch Erwachsene werden nicht mehr von den Schulen aufgefangen. Auch die Arbeitgeber sehen sich weniger in der Verantwortung. Folglich fallen Betroffene durchs System.

 

Häufig leugnen Unternehmen – gerade in einem Land wie Baden-Württemberg, mit geringer Arbeitslosenquote –, dass sie Menschen mit mangelhafter Grundbildung beschäftigen oder es ist nicht ausreichend bekannt. „Im Berufsalltag wissen davon eher der Vorarbeiter und Kollegen, die unmittelbar mit dem Betroffenen zusammenarbeiten“, so Dittler. Offensichtlich wird das Defizit meist dann, wenn ein Arbeitsplatzwechsel ansteht. Laut Dittler ist der Anteil der Menschen mit derartigen Schwächen im Logistik- und Dienstleistungsbereich besonders hoch. „Oft arbeiten die Menschen im Reinigungsbereich, in der Hausmeisterei, in der chemischen oder metallverarbeitenden Industrie, beim Friseur oder als Gärtner“, weiß der Bildungswerkmitarbeiter.

 

Die Konzepte von Alphagrund sind passgenau auf den jeweiligen Berufsalltag bezogen. Als Beispiel nennt Nataliya Säckler, die Projektleiterin von Alphagrund in der Region Stuttgart, einen Kurs zu den 1000 wichtigsten Begriffen, mit denen ein Produktionsmitarbeiter konfrontiert wird. „Danach kann der Mitarbeiter Fehlermeldungen richtig verstehen und Ursachen beheben, zudem hat er die Sicherheitskonzepte verinnerlicht“, so die Projektleiterin. Die Alphagrundmitarbeiter sehen sich zuvor im Unternehmen um, entwerfen ein Konzept anhand der internen Unterlagen und Anforderungen. Der Unterricht findet gewöhnlich im Anschluss an die Arbeitszeit statt.

 

Die Betroffenen sind meist verdiente und loyale Mitarbeiter, weiß Dittler. Der Bildungswerkmitarbeiter und seine Kollegin bedauern, dass Grundbildung oft noch als Tabuthema behandelt wird. Dennoch sei die Akzeptanz für derartige Fortbildungen gewachsen, sagt Dittler. Als Grund führt er auch den Fachkräftemangel an, weil Unternehmen auf Arbeitnehmer zurückgreifen, die sie früher nicht beachtet hätten. Nach der Teilnahme an den Kursen steige die Fortbildungsbereitschaft an, wie auch bei dem Gärtner aus Mannheim. Nach zweieinhalb Jahren meldete er sich bei Alphagrund: Er hatte einen Strafzettel mittels einer Mail an die Behörde erfolgreich angefochten.

 

Internet: Weiterführende Informationen unter www.bbq-zukunftskurs.de.

Christiane Rebhan
30. Juni 2016
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