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Ludwigsburg

Aufklärung ist immer noch nicht in Sicht

Fassungslos: Detlev Zander, Martina Poferl und Gerald Kammerl vom Netzwerk Betroffenenforum (von links). Foto: Steffen Pross

Samstag, 16 Uhr: Eigentlich sollte jetzt im Stuttgarter Kongresshotel Europa eine Pressekonferenz beginnen, in der die sogenannte Auftraggebergruppe – also die Repräsentanten der Brüdergemeinde und der beiden Betroffenenverbände Arbeitsgemeinschaft Heimopfer sowie Netzwerk Betroffenenforum und die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz – die Berufung des Domspatzen-Aufklärers Weber auch in Korntal bekanntgeben wollten. Einzelheiten sind bereits einige Tage zuvor zwischen dem von beiden Opfergruppen gewünschten Weber und dem Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, ausgehandelt worden. Doch am Donnerstag haben Rohr und Bauz die geplante Pressekonferenz wie berichtet abgesagt, weil einige bayrische Medien den Regensburger Juristen in die Nähe eines Korruptionsskandals in der Bischofsstadt an der Donau gerückt hatten. Dass das dortige Bistum Weber sein Vertrauen ausgesprochen hat, beeindruckt die Korntaler Mediatoren offenbar nicht. Die beiden Opfergruppen aber halten nicht nur an Weber fest, sie bleiben auch dabei, ihn an diesem Samstag zu berufen. Detlev Zander vom Betroffenforum hat auf die Absage der Pressekonferenz durch die Mediatoren daher mit der Einladung zu einer eigenen Pressekonferenz reagiert. Jetzt zeichnet sich ab: Auch aus ihr wird wohl nichts werden – und auch nicht aus der Berufung Webers an diesem Tag. Einige ehemalige Heimkinder mit Missbrauchserfahrungen, die die Sitzung der seit 10 Uhr tagendenden Auftraggebergruppe verfolgen, stehen rauchend und ratlos vor dem Hotel, schütteln den Kopf: „Beschämend“, sagt eines der Missbrauchsopfer, „ich bin fassungslos“, ein anderes. Im Hotel dauert Ulrich Webers Anhörung offenbar noch an.

Samstag, 16.35 Uhr: Weber verlässt mit einem Mitarbeiter die Sitzung. Er habe die von den Beteiligten aufgeworfenen, projektbezogenen Fragen abgearbeitet und seiner Ansicht nach auch umfassend beantwortet, sagt der Jurist. Zudem habe er „die gebotene Stellungnahme“ zu seiner angeblich möglichen Verwicklung in den Regensburger Korruptionsskandal abgegeben: „Gegen mich wird nicht ermittelt, ich bin nicht verdächtig. Mehr ist dazu öffentlich nicht zu sagen.“ Hat in Regensburg jemand ein Interesse daran, ihn als Domspatzen-Aufklärer zu diskreditieren? Weber: „Kein Kommentar!“ Was sagt er dazu, dass Mediatorin Rohr die Unschuldsvermutung des Bistums Regensburg offenbar nicht ohne Weiteres teilt? „Für die Motivlagen hier wie dort habe ich keine Erklärung.“ Wie geht es weiter? „Warten wir ab.“ Dann fährt Weber nach Regensburg zurück.

Samstag, 17.15 Uhr: Kurze Sitzungsunterbrechung. Einige Betroffene kommen kurz in die Lobby des Hotels. Betretene Gesichter. Jetzt ist klar: Mediatoren und Brüdergemeinde werden eine Berufung Webers an diesem Tag verhindern. Nur an diesem Tag? Oder wollen sie Weber gar nicht mehr? Und wenn ja, weshalb? Warum zählt die Unschuldsvermutung in diesem Fall nicht? Ein allenfalls vager, eher unterschwelliger Verdacht, wie ihn etwa der Bayrische Rundfunk gegen Weber hegt, könnte gegen jeden Kandidaten in die Welt gesetzt werden. Und eine Alternative zu Weber ist in Korntal derzeit nicht wirklich in Sicht. Oder gibt es in der Auftraggebergruppe Kräfte, die – gegen den Willen der beiden Opferverbände – noch am Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer festhalten? Vor zwei Jahren hat ihn die Brüdergemeinde als Korntal-Aufklärer verhindert.

Samstag, 18.05 Uhr: Die Mitglieder des Netzwerks Betroffenenforum verlassen den Tagungsraum. Vereinschef Gerald Kammerl erklärt, dass es entgegen dem Willen der beiden Betroffenenverbände noch zu keiner Berufung Webers gekommen sei. Es werde in einigen Tagen einen Zwischenbericht und am 25. März ein weiteres Treffen der Auftraggebergruppe geben. Mehr dürfe er nicht sagen, wenn er keinen Ausschluss des Betroffenenforums aus der Auftraggebergruppe riskieren wolle. Zander setzt hinzu: „Es geht hier nur um den Willen der Brüdergemeinde und der Mediatoren. Die Wünsche der Betroffenen werden nicht berücksichtigt. Das lasse ich nicht zu!“

Samstag, 18.10 Uhr: Wolfgang Schulz von der Arbeitsgemeinschaft Heimopfer kommt in die Lobby. Er sieht abgekämpft aus, ist sichtlich enttäuscht. Zwar könne er ein gewisses Verständnis für die von Brüdergemeinde und Mediatoren gehegten Bedenken aufbringen, sagt er: „Doch ich teile sie nicht!“ Weber habe weiter das Vertrauen auch seiner Gruppe. Schulz bestätigt allerdings, dass Ludwig Pätzold von der Opferhilfe Korntal – der Unterstützergruppe der Arbeitsgemeinschaft Heimopfer – in diesem Fall eher auf dem Standpunkt der Brüdergemeinde steht. Pätzold sei Anwalt, „da sieht er es wohl etwas anders“. Was Schulz nicht sagt: Pätzold gehört zu jenen, die schon vor zwei Jahren den jetzigen Weber-Konkurrenten Christian Pfeiffer nach Korntal holen wollten.

Samstag, 18.15 Uhr: Während Klaus Andersen und Veit-Michael Glatzle von der Brüdergemeinde sich ebenso wenig sehen lassen wie Elisabeth Rohr, geht deren Mit-Mediator Gerd Bauz auf die wartenden Journalisten zu. Er verstehe „diesen medialen Hype nicht“, sagt er. Dann greift ihn der noch in der Lobby wartende Zander an: „Sie reden selbst mit der Presse und wollen uns einen Maulkorb verpassen“, schimpft er. Bauz zieht sich umgehend zurück. Vor der Tür warten seit geraumer Zeit einige frühere Korntaler Heimkinder, die darauf gehofft haben, dass die Aufklärung des Missbrauchsskandals nun endlich beginnen würde.

Steffen Pross
12. Februar 2017
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