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Ludwigsburg

„Dort ging mein Glauben an Gott verloren“

Max Mannheimer hinter seiner Biografie „Drei Leben“ im Staatsarchiv.Foto: Ramona Theiss

Herr Mannheimer, wie haben Sie Auschwitz überlebt?

Max Mannheimer: Ich habe großes Glück gehabt. Wir Juden waren ja dazu verurteilt, nach Abschöpfung der Arbeitskraft umgebracht zu werden. Ich habe die Psychologie der SS-Männer aber durchschaut. Ihnen gegenüber musste man stramm stehen, und gegrüßt wollten sie werden. Ich habe alle Selektionen im Konzentrationslager überstanden.

Wie war der Alltag dort?

Wir haben von einem Tag auf den anderen gelebt. Wir waren immer froh, wenn wir einen Tag gut überstanden haben und in der Früh wieder aufgewacht sind. In meinen ersten Wochen im Lager Auschwitz-Birkenau lag morgens plötzlich ein Toter neben mir. Das war für mich schockierend. Dort habe ich den Glauben an Gott verloren. Trotzdem habe ich vorsorglich so wie als Kind mit der Hand auf dem Kopf gebetet – das habe ich im Lager aber unter der Decke gemacht. Ich sage auch heute noch: Wenn jemand an der Existenz Gottes zweifelt, soll er vorsorglich trotzdem beten (lacht).

Haben Sie Ihren Glauben später wiedergefunden?

Als ich 1945 befreit wurde, war ich an Fleckfieber erkrankt. Damals habe ich noch 37 Kilo gewogen und gedacht, na, wenn ich 40 Jahre alt werde, dann bin ich zufrieden. In fünfeinhalb Jahren werde ich 100. Das ist unglaublich. Da muss doch etwas sein. Jetzt beginne ich nachzudenken, dass ich beschützt werde. Ich gehe aber nicht in die Synagoge. Höchstens, wenn ich dort einen Vortrag halte. Gläubig in dem Sinne bin ich also nicht. Aber ich denke darüber nach.

Sie sind in Ludwigsburgs Partnerstadt Neutitschein (heute Novy Jicin) in Tschechien aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Sehr positive. Mit meinem Bruder Erich haben wir Streiche gespielt und bei Leuten an der Türe geklingelt. Dann habe ich sehr früh Fußball gespielt – schon als kleiner Junge mit einem ausgestopften Strumpf. Ich muss sagen, das hat sehr viel Freude gemacht. Mein Vater, der vorher österreichisch-ungarischer Unteroffizier war, hatte eine Wirtschaft gepachtet. Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen in einem Nebenzimmer des Wirtshauses geboren. Erst als mein dritter Bruder zur Welt kam, haben wir eine Wohnung bezogen. Die Mehrheit in Neutitschein hat damals Deutsch gesprochen. Die Tschechen lebten mehr im Umland. Hauptarbeitgeber war die Hutfabrik Hückel. Neutitschein war verglichen mit anderen Orten in der Gegend eine Stadt mit einem hohen Kulturniveau. Das Kulturangebot war sehr groß.

Wie hat sich das Leben durch den Nationalsozialismus verändert?

Der Antisemitismus war zunächst eigentlich nicht so zu spüren. Die Feindschaft bestand eher zwischen Tschechen und Deutschen. Aber als ich in der Handelschule war, hat sich eine Mitschülerin – das war 1936 – ein Hitlerbild ins Buch gelegt und damit in meine Richtung gezeigt. Ich saß in der Parallelreihe. Ich habe darauf nicht reagiert. 40 Jahre später haben wir uns wieder getroffen bei einem Klassentreffen. Von den Jungen aus der Klasse waren sehr viele gefallen. Und dieses Mädchen von damals sagte zu mir: Max, war das nicht eine schöne Zeit in der Handelsschule. Da sage ich: Ehrlich, eine wunderschöne Zeit. Ich habe nichts von dem Bild erwähnt, so vornehm war ich. Die Leute wurden damals aufgehetzt. Ich versuche immer, mich in sie hineinzuversetzen. Wäre ich kein Jude, zwölf Jahre alt, aus einer Familie, die nicht antifaschistisch ist, und ich hätte in der Hitlerjugend ein Fahrtenmesser und eine Uniform bekommen, ich weiß nicht, ob ich nicht zu den Verführten gehört hätte.

Was haben Sie in der Pogromnacht 1938 in Neutitschein erlebt?

Bei uns konnte die Synagoge nicht angezündet werden, weil etwa 35 Meter entfernt ein Gasometer stand. Bei einem Feuer wäre alles in die Luft geflogen.

Die Synagoge steht ja heute noch…

Dort ist jetzt ein Archiv untergebracht. Einige Male war ich schon da. Ich habe versucht Zeitungen zu finden, die um den Pogrom herum in Neutitschein erschienen sind. Aber ich konnte nichts finden. Die Reaktionen der Zeitungen damals hätten mich sehr interessiert.

Und was haben Sie persönlich in jenen Tagen mitgemacht?

Am nächsten Tag ist ein offener Polizeiwagen vor unserem Haus vorgefahren. Auf der Ladefläche saßen schon jüdische Männer, bewacht von Schupos in grüner Uniform. Die haben meinem Vater erklärt, dass er in Schutzhaft genommen werde, damit ihm nichts passiere. Meine Mitschüler haben mich trotz allem nicht attackiert.

Wann haben Sie zum ersten Mal verstanden, dass die deutschen Nationalsozialisten einen Massenmord an den europäischen Juden verüben?

Das haben wir eigentlich erst in Auschwitz erfahren. Was wir vorher gehört haben war, dass die Juden in Schwefelgruben zur Arbeit geschickt werden, und zwar ohne Gasmasken, was sehr gefährlich sei. Alles andere konnten wir uns gar nicht vorstellen. Alle haben nach Deutschland geschaut, die hohe Kultur, die Kunst. Dass ein Teil dieses Volkes solche Verbrechen begehen konnte, hat niemand geglaubt. Meine Mutter hat eine deutsche Schule in Ungarisch-Brod besucht. Sie hat die ganzen deutschen Klassiker gelesen. Wir waren sehr stark deutsch orientiert. Das haben die Tschechen den Juden auch übelgenommen.

Nach dem Krieg sind Sie nach Deutschland gekommen. Wie konnten Sie das aushalten?

Nach der Befreiung aus dem letzten Konzentrationslager in Deutschland habe ich mir geschworen, nie mehr deutschen Boden zu betreten. Ich wollte nicht in einem Land leben, dessen Bürger andere Bürger wegen der Religion in Gaskammern ermorden. Nach der Rückkehr nach Neutitschein lernte ich dort meine zweite Frau kennen und sie versicherte mir, dass Deutschland nach dem, was passiert ist, ausgezeichnete Chancen habe, ein demokratisches Land zu werden. Wenn man verliebt ist, glaubt man so etwas. Am 7. November 1946 war ich dann wieder in dem Land, dessen Boden ich nie wieder betreten wollte.

Wie beurteilen Sie die Holocaust-Erinnerung in Deutschland heute?

Man hat immer gesagt, nach 50 Jahren gibt es eine Zäsur. Das Gegenteil ist der Fall. Die heutige Urenkel-Generation möchte gerne wissen, warum ihre Urgroßeltern so einem Massenmörder so lange die Treue halten konnten. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man in der Demokratie aufgewachsen ist. Und deshalb fragen sie nach.

Es gibt von Ihrer Seite also keine Kritik am Umgang mit der Vergangenheit?

An manchen Stammtischen in diesem Land möchte ich lieber nicht sitzen. Denn was dort über dieses Thema gesagt wird, will ich nicht hören. Es wird ja viel verdrängt, und viele sind doch der Meinung: „Die Juden wollen ja immer nur Geld kassieren.“

Fragen von Christian Walf
04. Juni 2014
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